Der Startrompeter widmet dem Sehnsuchtsland der Deutschen ein ganzes Programm und begeistert nicht nur mit kreativen musikalischen Interpretationen.
Für irgendwas müssen Klischees ja gut sein. Zum Beispiel, um das Publikum eines, nennen wir es italienischen Abends, in die Thematik einzustimmen. Als ein Italiener, der pünktlich ist, stellt sich Till Brönner dem Publikum im sehr gut gefüllten Beethoven-Saal der Liederhalle vor. Und weil man ja in Stuttgart ist, muss noch ein Gag aus der Autoindustrie an den Start, und zwar der vom Fiat als besonders zuverlässigem Auto.
Ansonsten aber hat das, was der deutsche Startrompeter, der die ersten fünf Jahre seines Lebens in Rom verbracht hat, in zweieinviertel Stunden mit seiner fantastischen Band auf der Bühne zelebriert zum Glück wenig mit den üblichen Bildern zu tun, die bemüht werden, geht es um – wieder so ein Klischee – das Sehnsuchtsland der Deutschen.
Unentbehrliche Versionen mit der Trompete
Till Brönner will die „Erdverbundenheit, Weltgewandtheit und Stilsicherheit“, die er bei den Italienern ausgemacht hat, in Musik ausdrücken. Im Gespräch mit unserer Zeitung hatte er im Vorfeld eingeräumt, dass es herausfordernd ist, mit einer Trompete Versionen italienischer Lieder zu liefern, „die man als halbwegs unentbehrlich – oder zumindest originell empfinden möchte.“
Dass es funktioniert, zeigt der 54-Jährige in Stuttgart mit der für ihn typischen Mischung aus Perfektion, dem Mut zum musikalischen Exkurs und jenem feinen Humor, mit dem er Geschichten aus dem deutsch-italienischen Beziehungsgeflecht erzählt. Sein Lieblingswitz: Die Italiener respektieren die Deutschen, aber lieben sie nicht. Bei den Deutschen ist es umgekehrt. Alles klar?
Dann die Namen: Lucio Dalla, Paolo Conte, Ennio Morricone – das klingt nach Kunst und Kreativität; Helene Fischer eher nach Sachbearbeiterin im Finanzamt. Aber zugegebenermaßen: Mit dem Umlaut im Familiennamen Brönner haben die Italiener auch so ihre Schwierigkeiten. Dann doch lieber gleich Till, oder besser Tille mit kurzem e.
Natürlich steht in Stuttgart die Musik im Mittelpunkt: das neue Album Italia, erweitert um eine breite Palette anderer Songs, allesamt made in Italy. Brönner wäre aber nicht Brönner, würde er sie nicht so arrangieren, dass ein völlig neues Klangerlebnis entsteht. Egal, ob er anfangs seinen üblichen Konzert-Opener „Estate“ spielt, oder am Schluss „Dolce Vita“, jenen Wohlfühl-Hit, dessen Melodie vielen durch die „Du darfst“-Reklame bekannt sein dürfte. Bei der Brönner-Band hört sich das zum Glück nach Dolce Vita in hochexplosiver Form an.
Einer der musikalischen Glanzpunkte ist eine Bebop-Version des Klassikers „Volare“, in der nicht nur die Genialität des Professors für Jazztrompete deutlich wird, sondern auch die seiner Band: Mark Wyand am Saxofon erzeugt im Zusammenspiel mit dem Chef fast schon Bigband-Sound. Für den gebürtigen Ludwigsburger Olaf Polziehn, ein jahrelanger Wegbegleiter Brönners, ist es ein Heimspiel. Der Pianist ist diesmal nicht allein, sondern hat mit Roberto di Giora einen virtuos aufspielenden Keyboarder an seiner Seite.
Zum Finale Turandot
Das musikalische Gehirn nahezu aller Brönner-Events ist Christian von Kaphengst, der mit seinem Bass optisch im Hintergrund bleibt, gleichwohl alle Fäden in der Hand hat. Mit ihm für den richtigen Rhythmus und ein intelligentes Solo sorgt der Schlagzeuger David Hayners. Bruno Müller an den Gitarren kann nicht nur sanften Jazz, sondern zudem krachenden Rock. Die Sängerin Alessa Tavian kümmert sich darum, dass alles authentisch italienisch klingt.
Die Leute in der Liederhalle feiern diese außergewöhnlichen Botschafter Italiens frenetisch. Und gehen beseelt nach Hause, nachdem sie von Till Brönner und Olaf Polziehn im Duo mit einer intensiv-entspannten Interpretation von Puccinis Turandot verabschiedet wurden.