Jethro Tull (hier bei einem Konzert im Jahr 2022) rockten am Samstagabend in der Liederhalle. Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Zwischen Ehrfurcht und Rock-Ekstase: Am Samstagabend gab sich die britische Rockband Jethro Tull in Stuttgart die Ehre. Setlist und Kritik vom Konzert in der Liederhalle.

Noch bevor der erste Ton erklingt, ist klar, dass hier andere Regeln gelten als bei der üblichen Classic-Rock-Routine. Auf der offiziellen Tourseite bittet die Band darum, fünf Minuten vor Beginn auf dem Platz zu sein. Zu-spät-Kommende sollen notfalls erst in einer passenden Lücke eingelassen werden. Dazu passt die Ansage vor Konzertbeginn: bitte keine Fotos. Die Band müsse sich auf ihr hochkomplexes musikalisches Handwerk konzentrieren und wolle dabei nicht abgelenkt werden.

 

Im vollen Saal funktioniert das: tatsächlich gespannte Ruhe, wie man sie eher aus dem Theater kennt. Im Publikum sitzen Männer in Iron-Maiden- und Uriah-Heep-Jacken, Paare, die mit dieser Musik sichtbar alt geworden sind. Dazu ein paar Jüngere, die wissen wollen, wie sich eine Band anhört, deren Name meist mit ehrfürchtigem Unterton fällt. Der Abend beginnt nicht mit Lärm, sondern mit Aufmerksamkeit.

Ian Anderson gibt sich in der Stuttgarter Liederhalle nochmal die Ehre

Dann betritt Ian Anderson, 78 Jahre alt, die Bühne, zunächst nur begleitet von dem deutlich jüngeren Gitarristen Jack Clark. Im Laufe der ersten Nummer kommen die übrigen Bandmitglieder nach. Anderson wechselt zwischen Flöte und Akustikgitarre und steht noch immer auf einem Bein – eine seiner seit Jahrzehnten wiedererkennbaren Bühnenposen.

Die Pose auf einem Bein hatte Frontmann Ian Anderson schon in den 80er Jahren drauf. (Archivbild) Foto: imago images/United Archives

Hinter der Band werden Videoprojektionen abgespielt, erst Wald- und Tierbilder, später kippt das Bühnenbild in Großstadt, Mauerwerk und Kirchenoptik. Anderson wirkt auf der Bühne nicht wie ein Veteran auf Ehrenrunde, mit seinem Halstuch und seiner bescheidenen Art. So ganz ohne Rockstarallüren, wirkt er eher wie einer, der diesen Abend möglichst präzise durchziehen will.

Zeitreise durch die Bandgeschichte – vor fulminanter Kulisse

Die erste Hälfte des Konzerts ist eine Reise durch die frühen Jahre der Band. Anderson kündigt den Sprung von 1968 in die Progjahre selbst an, dann folgt mit „Thick as a Brick“ einer der zentralen Momente des Abends. Das 1972 erschienene Stück, im Originalteil eines überlangen Konzeptalbums um das fiktive Wunderkind Gerald Bostock, gehört zu den bekanntesten Arbeiten von Jethro Tull.

Nach einer 15-minütigen Pause liegt die Bühne erst in kühlem Blau, dann taucht im Hintergrund etwas auf, das an Kirchenfenster erinnert. Die zweite Konzert-Hälfte beinhaltet Stücke wie „My God“. Auch die neueren Stücke fügen sich hier nahtlos ein: Material aus „The Zealot Gene“ von 2022, „RökFlöte“ von 2023 und „Curious Ruminant“ von 2025. Vor „Over Jerusalem“ spricht Anderson von einer „love affair“ mit Jerusalem, einer schönen Stadt, die er allerdings wohl besser nicht noch einmal besuchen sollte.

Ein Highlight des Abends: Die Kulisse zum Hit „Aqualung“. Auf der Leinwand erscheint eine Parkbank, verwitterte Gesichter, Menschen mit langen Bärten. Man sieht Leute, die mit ihrem ganzen Besitz durch die Stadt ziehen. Das Album von 1971 gilt bis heute als eines der prägendsten Werke von Jethro Tull.

Zwischen Ehrfurcht und Ekstase in der Liederhalle

Zur Zugabe kippt der Abend dann in Rock-Atmosphäre: Bei „Locomotive Breath“ debütiert das Klavier, dann kommt die Band dazu, im Hintergrund fährt eine Lokomotive durchs Bild. Im Parkett stehen jetzt die meisten Zuschauer. Und jetzt dürfen auch die Handys hoch. Ein paar Leute singen mit, andere klatschen über dem Kopf. Am Ende verbeugen sich die Bandmitglieder einzeln. Anderson salutiert insPublikum.

Setlist:

  • Some Day the Sun Won’t Shine for You
  • Beggar’s Farm
  • A Song for Jeffrey
  • Thick as a Brick
  • Mother Goose
  • Songs from the Wood
  • Weathercock
  • The Navigators
  • Curious Ruminant
  • Bourrée in E minor
  • My God
  • The Zealot Gene
  • The Donkey and the Drum
  • Over Jerusalem
  • Budapest
  • Aqualung

Zugabe:

  • Locomotive Breath