Die Band Kerala Dust ist am Mittwochabend im Wizemann aufgetreten. Kritik, Bilder und Setlist von einem hypnotischen Konzert.
Zu Hause oder bei der Arbeit Musik von Kerala Dust zu hören, kann sehr inspirierend sein: Man darf in der treibenden Klangmelange Andeutungen von Ausbrüchen wahrnehmen, Zitate von Zerwürfnissen, minimalistische Riffs, die Ratlosigkeit ausstellen, anstatt sie zu verbergen versuchen, besonders auf dem neuen Album „An Echo of Love“. Da pflanzt die Band nervöse Americana-Gitarren in satte Techno-Beats; mitunter klingt sie auch weniger subtil, so als habe jemand in einem Anflug von Überschwang Gitarren von ZZ Top gesampelt und mit selbstgebasteltem rhythmischen Rumpeln unterlegt.
Live im nahezu ausverkauften Club des Wizemann drängeln sich die Beats gefräßig vor, insbesondere die elektronischen. Im Stroposkop-zerfurchten Gegenlicht-Nebel ist Edmund Kenny, der Mann an den Reglern und am Mikrofon, bei einer Art Faustkampf-verliebten Ein-Mann-Technoparty zu beobachten, obwohl Kerala Dust, 2016 von Deutsch sprechenden und Englisch singenden Männern in London gegründet, mittlerweile zu viert unterwegs sind. Der Spaß wird mit der verschärften Beatlastigkeit nicht geringer, aber die zwecks seiner Erlangung zu aktivierenden Antennen verschieben sich beim Konzert in Stuttgart vom Kopf Richtung Magengegend.
Kerala Dust vertraut in Stuttgart auf Elektronik
Dort richten die teils immer noch handgefertigten Strickmuster mit der Anmutung von Loop-Kanonaden wohlige Schauer an, während Edmund Kenny, der schattenboxende Sänger, geraunte Beschwörungsformeln mantraartig wiederholt, die knapp über Leonard Cohens Stimmlage am eindringlichsten klingen. „That’s how the light gets in“, behauptet er sinnigerweise, mal beschwichtigend und dann wieder beflügelnd, als die Elektronik den Wirkungsradius des Gitarristen Lawrence Howarth immer weiter einengt.
Folgerichtig verschwindet Howarth nach „Fever“ von der Bühne. Das darauffolgende Stück „Oil Drum“ wird also zunächst von Elektronik, Drums und Keyboard alleine befeuert, ehe der Gitarrist zurückkehrt, um mit seinen stoischen Riffs die in ihren stärksten Momenten nach einer Mischung aus Klospülung, Probealarm und Raubkatze im Angriffsmodus tönende Elektronik zu umrahmen. Dann ist eine halbe Stunde rum, und Edmund Kenny richtet sich erstmals direkt an die rund 500 Zuschauer: „Stuttgart, seid Ihr bei uns?“
Durchaus, und zwar 100 Minuten lang, sogar bei Nummern in denen das engagiert exerzierte Wiederholungskonzept ins Strapazierende abzudriften droht wie „I Remember You a Dancer“. Darauf folgt das schillernd schöne Meerblick-Stück „The Bay“, das wie eine Pianoballade beginnt, bald darauf dem Gitarristen und seinen aus intensivem Sehnen geschälten Sounds die Oberhand gestattet und unter anderem von wegzuwaschenden Wiegenliedern erzählt. Dann ist offiziell Schluss, aber der ausdauernd mit Verausgabung liebäugelnde Raunkünstler Edmund Kenny und seine drei Mitstreiter haben noch Kraft für ihre drei hypnotischen Zugaben „Nevada“, „Phoebe“ und White Noise“.
Die sich stilvoll unstet gebende Band, die ihre Songs unter anderem in der Toskana, in Texas und in Berlin aufnimmt, hat bei ihrem ersten Stuttgart-Konzert seit sechs Jahren sogar ohne das intensivste Stück ihres ansonsten ausgiebig präsentierten aktuellen Albums überzeugt. Der Song „Beyond the Pale“ wäre als Live-Erlebnis bestimmt schön gewesen, aber womöglich dann doch zu verwegen: Das Stück verzichtet nämlich auf alle Beats.
Die Setlist von Kerala Dust in Stuttgart
- The Orb, TX
- How the Light Gets In
- Moonbeam
- Fever
- Oil Drum
- Violet Drive
- Bell
- Eden to Eden
- Still There
- Maria
- Closer
- Love in the Underground
- I Remember You a Dancer
- The Bay
- Nevada
- Phoebe
- White Noise