An die 500 Zuhörer erlebten ein fulminantes Orgelkonzert mit dem Pariser Star-Organisten Olivier Latry.
„Ein fantastisches Konzert, alles auswendig, aus dem Herzen, Musik, die uns den Himmel näher bringt“. So euphorisch schwärmte der gerade nach Freiburg gewechselte Kirchenmusiker Andreas Mölder beim „Künstler hautnah“-Gespräch für Mitglieder und Freunde der Kirchenmusik im Bonifatiushaus im Anschluss an das spektakuläre Orgelkonzert von Olivier Latry.
Der Weltstar der Orgelmusik kam direkt aus Paris und lieferte nicht nur ein Orgelkonzert der Extraklasse an der großen Jann-Orgel ab, sondern weihte zudem die neue Meier-Truhenorgel ein: klanglich wie äußerlich ein Schmuckstück. Es war sehr sympathisch, wie der berühmte Gastorganist auf deutsch die aufgeführten Werke auf der neuen Truhenorgel aus der Orgelbauwerkstatt Peter Meier im schweizerischen Rheinfelden, der selber mit seinen Mitarbeitern anwesend war, ansagte.
Ein Virtuose, der ganz selbstvergessen spielt
Dieser Orgelvirtuose weiß auch mit einem solchen intimen tragbaren Instrument umzugehen und die Farben glänzend zu nutzen. Die Alte Musik aus dem 16. und 17. Jahrhundert wie Sweelincks Liedvariation „Mein junges Leben hat ein End’“, Scheidemanns „Canzona“ und besonders attraktiv die sieben Tänze aus dem Manuskript der Suzanne van Soldt waren für die Truhenorgel geradezu prädestiniert. Latry spielte wie selbstverständlich, völlig uneitel, und zeigte, dass er auch in der Alten Musik adäquate, intelligente und differenziert artikulierte Interpretationen vorzeigen kann.
Aber natürlich ist Olivier Latry ein Großmeister der französischen Orgelliteratur. Besonders die spätromantische Orgelsinfonik spielt er meisterhaft. Was für ein großartiger Sachwalter dieser französischen Tradition er ist, bewies Latry in Werkbeispielen der Orgelsinfoniker Louis Vierne und Charles-Marie Widor.
Per Video in den Kirchenraum übertragen
Ganz überragend und mitreißend war allein schon die Wiedergabe von Viernes „Carillon de Westminster“, ein populäres Glanzstück auf der Orgel.
Das Publikum hörte nicht nur, wie man einen solchen „Reißer“ eigentlich spielen muss, sondern sah auch die flinken Hände und Füße, denn das Konzert wurde per Video in den Kirchenraum auf Großleinwand übertragen. Das war ein doppelter Gewinn bei diesem Konzert, konnte man so doch nur staunen über Latrys souveräne Spieltechnik und Übersicht.
Dass er sein ganzes umfangreiches Programm auswendig spielte, zeigte, dass die Technik bei ihm kein Thema ist und er sich voll auf die Interpretation konzentrieren kann. Überhaupt fiel die enorme Leichtigkeit seines Spiels auf, eine Mischung aus energievoller und feinnerviger Spielweise.
Wie der Franzose die ganze dynamische Bandbreite nutzt, wie er brillante koloristische Beleuchtung einsetzt und raffinierte Schwellmixturen wählt, das ist unbeschreiblich und überragend.
Sein Programm baute er dramaturgisch gut auf. Der ruhige langsame Satz aus der „Sinfonie gothique“ von Widor wurde kontrastiert durch die rhythmisch fesselnde Darbietung der „Litanies“ von Jehan Alain.
Die Begegnung mit der Musik von Maurice Duruflé war interessant, weil dessen „Prélude et fugue sur le nom d’Alain“ direkt auf den Komponisten Alain Bezug nimmt und der Interpret dem Werk ein Optimum an Farben und eine luzide, echt französische Klanglichkeit abgewonnen hat.
Zum Abschluss gibt es eine Improvisation
Dass Latry auch ein genialer Improvisator ist, zeigte er zum Schluss mit einer eigenen Improvisation in starken farblichen Gegensätzen.
Seine Reverenz an Bach zu Beginn des Recitals an der Jann-Orgel war auch französischer Art: zwar Bach, aber doch mehr Marcel Dupré und Louis Vierne durch deren Transkriptionen der Sinfonia aus der Kantate BWV 29 und der Sicilienne aus der Flötensonate BWV 1031 für Orgel.
Nach diesem Ausnahmekonzert ließ sich Olivier Latry vom großen Beifall noch zu zwei Zugaben hinreißen: Bartók und noch mal Bach, beide gestaltet mit packendem Schwung und sehr „vif“ gespielt. Solche Konzertorganisten gibt es nicht viele – glückliches Frankreich!
Da ist dem scheidenden Kantor Mölder noch ein letzter Coup gelungen. Und dank der Mitgliedsbeiträge der Freunde der Kirchenmusik St. Bonifatius kann man sich einen solchen Weltstar in Lörrach leisten.