Zum 35-jährigen Bandjubiläum touren Gotthard durch Deutschland und machen dabei auch in Filderstadt Halt. Bilder, Setlist und Kritik vom Konzert in der Filharmonie.
Stagediving war gestern. Heutzutage lässt man sich von der Security huckepack durch den Saal tragen – zumindest wenn man Nic Maeder heißt. Als sich das Konzert von Gotthard in Filderstadt bereits dem Ende entgegen neigt, mischt sich der Frontmann unter die Zuschauer, klatscht mit ihnen ab und singt dabei immer wieder „Whoa, wanna rock, rock ′till the morning dawn“. So lange hielten die Schweizer zwar nicht durch, doch auch zwei Stunden reichten, um die Filharmonie zum Kochen zu bringen.
Seit mittlerweile 35 Jahren liefern Gotthard beständig erfolgreiche Rockmusik. Pünktlich zum Jubiläum brachte die Band aus Lugano im Frühjahr ihr neuestes Werk „Stereo Crush“ heraus, das wie alle ihre zwölf Vorgänger auf Platz eins der Schweizer Charts landete. Man habe so viel Zeit in das Album investiert, dass es schön sei, „endlich wieder auf Tour zu sein“, sagt Maeder – und kündigt an, das neue Songmaterial am Publikum austesten zu wollen.
Y&T sorgen schon früh für Stimmung
Zuvor sind allerdings andere Urgesteine des Rock dran: Gotthard haben als Vorband die amerikanischen Alt-Rocker von Y&T mitgebracht. Die Kalifornier gibt es bereits seit 1974 und damit noch deutlich länger als Gotthard. Von den Gründungsmitgliedern lebt mittlerweile nur noch Dave Meniketti. Der ist aber noch immer in Top-Form. Während am Freitagabend draußen die Sonne runter brennt, heizen drinnen Y&T ordentlich ein. Nach einer Stunde geradlinigem Hard Rock verabschiedet sich das Quartett unter tosendem Applaus.
Der wird danach noch größer, als um kurz nach 21 Uhr die national erfolgreichste Band der Schweiz die Bühne betritt. Der neue Album-Opener „AI & I“ fungierte gleichzeitig als Einstieg in das Konzert. „I got a digital crush“, singt Nic Maeder und versetzte den etwa 1 500 anwesenden Zuschauern einen ganz realen Crush. Der Schweiz-Australier, der seit dem tragischen Unfalltod von Steve Lee das Mikrofon bei Gotthard schwingt, steht ganz im Mittelpunkt. Mal rockt er mit E-Gitarre und Hut, mal macht er es sich ohne Hut und ohne Gitarre auf einem Barhocker bequem. Gotthard-Mastermind Leo Leoni meidet es dagegen, sich groß ins Rampenlicht zu stellen.
Beim Klassiker „Heaven“ grölen alle mit
Nach einer Mischung aus neuen Songs und alten Klassikern verrät Maeder ein Geheimnis: „Wir haben ein Problem: Wir haben viel zu viele Balladen.“ So viele, dass er eine Frau auf die Bühne bittet, die dann drei Stücke aus einer vorgefertigten Liste heraussuchen sollte. Die Frau entscheidet sich für „Let It Rain“, „Angel“ und „Miss Me“ – sie hätte aber wohl auch bei den anderen Songs, die auf einer Tafel notiert waren, nichts falsch gemacht.
Die Stimmung wird jedenfalls von Song zu Song besser. Spätestens beim größten Hit der Band „Heaven“ singen alle lautstark mit – was Maeder mit „Ihr singt so schön“ kommentiert. Nach einem Schlagzeugsolo und dem letzten Song „Lift U Up“ legen Gotthard bei der Zugabe nochmal mit drei ihrer bekanntesten Hits nach, von der Ballade „One Life, One Soul“ über den Deep Purple-Coversongs „Hush“ bis hin zu ihrer Interpretation von „Mighty Quinn“. Dann ist Feierabend. Wie immer in den vergangenen 35 Jahren haben Gotthard einen mehr als soliden Auftritt mit kommerziell tauglichem Rock abgeliefert. Solide wie ein Schweizer Uhrwerk eben.
Setlist: Gotthard in Filderstadt
1. AI & I
2. Thunder & Lightning
3. All We Are
4. Stay With Me
5. Remember It’s Me
6. Mountain Mama
7. Everytime Time I Die
8. Let It Rain
9. Angel
10. Miss Me
11. Burning Bridges
12. Anytime Anywhere
13. Boom Boom
14. Top Of The World
15. Rusty Rose
16. Heaven
17. Feel What I Feel
18. Lift U Up
19. One Life, One Soul
20. Hush
21. Mighty Quinn