Er lebt immer noch seinen Traum: Wolfgang Niedecken in Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Wolfgang Niedeckens Kölschrock-Band BAP hat auf der Esslinger Burg gastiert. Kritik, Fotos und Setlist von einem dreieinhalb Stunden währenden Ritual.

Wenn ein mittlerweile 74-jähriger Rockstar dreieinhalb Stunden dauernde Konzerte geben will, während Anwohner der Esslinger Burg auf die strikte Einhaltung des vereinbarten Veranstaltungsendes pochen, hat das Folgen, die zunächst gar nicht nach Rock ’n’ Roll klingen: BAP muss, um das Pensum zu schaffen, bereits um 18.45 Uhr beginnen, was zur Folge hat, dass manche von Wolfang Niedeckens Fans, die selber eben nicht Rockstars geworden sind, den schaurig schönen Auftakt verpassen. Im Opener „Diss Naach ess alles drin“ schlängelt sich eine Trompete neckisch um das brüchig gewordene Kauderwelsch des ersten und auch nach einen halben Jahrhundert nach wie vor einzigen berühmten Kölschrockers des Planeten Erde.

 

Ab dem zweiten Song, „Südstadt, verzäll nix“, klingt BAP dann so, wie die Fans ihre Band lieben, wie in den Achtzigerjahren: Die Kickdrum schlägt mächtig zu, die Gitarrenriffs zerhacken die für Außenstehende unverständlichen Geschichten in bunte Momentaufnahmen, und Wolfgang Niedeckens Gesang klingt zuverlässig nach Schwerstarbeit: „Wir spielen nur Songs, die nicht jünger sind als 40 Jahre“, so erläutert er zum Jubel vieler der gut 4000 Zuschauer im ausverkauften Burghof das Konzept der diesmal „Zeitreise“ betitelten Tournee.

Tatsächlich spielt BAP ja immer schon vor allem Lieder aus den Achtzigerjahren. „Das hier ist ein Lied aus der Zeit, als Menschen noch Wunderkerzen zu Konzerten mitbrachten“, barmt Wolfgang Niedecken zu Beginn eines nicht enden wollenden Zugabenblocks und singt sein Liebeslied „Do kanns zaubre“ so hingebungsvoll wie eh und je. Wunderkerzen brennt dabei niemand mehr ab. Stattdessen schwenken die Fans Smartphones mit eingeschalteten Taschenlampen. Die Zeiten haben sich geändert, und der Sänger reagiert mit einem bemerkenswerten Spagat.

Niedeckens vielleicht größtes Verdienst besteht auch in Esslingen einerseits darin, dass er diesem Wandel mit beachtlicher Ausdauer sein Lagerfeuerritual entgegensetzt, in dem Leute Lieder mitsingen können, deren Zeilen nur innerhalb einer verschworenen Gemeinschaft und in Köln verstanden werden. Dazu können sie im Takt klatschen und wie schon so oft seinen Rockarbeiter-Geschichten von längst vergangenen Tourneen lauschen: „Wir mussten unseren ganzen Scheiß im Schweiße unseres Angesichts hochschleppen.“ Niedeckens reisende Zuhörkneipe wird beschallt mit rifflastigen Bekenntnissongs, die Vielen im Esslinger Burghof Wegmarken ihres eigenen Lebens geworden sind: „Zehnter Juni“, „Verdammp lang her“ „Kristallnaach“, das Lied, das Niedecken in Esslingen so ankündigt: „Die Systemsprenger sind weltweit dabei, die Demokratie abzuschaffen – auch was die Klimakrise betrifft, auch was Gaza betrifft.“

Spielfreudig: BAP in Esslingen Foto: Roberto Bulgrin

Den Perspektivwechsel vom Sprengmeister musikalischer Konventionen in den frühen Achtzigerjahren zum Bewahrer der Errungenschaften institutions- oder bühnengestählter Rebellen von einst hat Wolfgang Niedecken schon vor Jahren vollzogen. Die Verve, mit der er im Esslinger Burghof „Kristallnaach“ ankündigt, zeigt, wie wichtig ihm seine Musik, die er immer auch als Mission verstanden hat, nach wie vor ist. Sein zweites großes Verdienst in Esslingen besteht vielleicht gerade deshalb in der lustvollen Öffnung des BAP-Kanons für gelegentlich packende und hin und wieder innovative musikalische Experimente.

Michael Nass zum Beispiel darf im Burghof kecke und mittlerweile tatsächlich vernehmbare Keyboard-Licks zwischen die einst von Klaus „Major“ Heuser ersonnenen und nun von Ulrich Rode würdevoll reproduzierten Gitarrenriffs streuen. Die geschmeidigen Dissonanzen des Saxofonisten Axel Müller wären womöglich auch bei den Jazz Open auf dem Stuttgarter Schlossplatz gefeiert worden. Und musikalisch am meisten Spaß macht im Burghof das inspirierte Wirken der nun auch schon seit fast zwei Jahrzehnten mit BAP tourenden Multiinstrumentalistin Anne de Wolff.

Die Geige entfacht einen Orkan

Der glänzendste Ausweis ihres Könnens an der Geige gelingt ihr im Zugabenblock in einer verwegenen Melange aus Bob Dylans „Hurricane“ und BAPs „Stell dir vüür“: Da interpretiert sie zunächst originalgetreu die wahnsinnsnah sehnsüchtigen Geigenparts, mit denen vor 50 Jahren Scarlet Rivera die Studioversion von Dylans „Hurricane“ veredelte. Dann mengt Anne de Wolff der respektvoll übermittelten Überlieferung ihre eigenen Gipsy-Variationen bei, um schließlich mit ihrem Instrument einen Orkan zu entfachen: BAP anno 2025 mit Wow-Effekt!

Nicht alle Experimente gelingen der Band gleichermaßen stimmig: Die originelle Bläser-Sämigkeit in „Nit für Kooche“ beispielsweise wird von vielköpfig präsentierten Narrenkappen – auch Niedecken selbst trägt dann eine – ein bisschen ungelenk karikiert. Aber auch in nicht vollständig zündenden Pointen dringt in Esslingen eine umwerfende Spielfreude durch: BAP erlebt im Spagat zwischen bewährter Reproduktion und kreativen Neuland-Tupfern tatsächlich so etwas wie einen zweiten Frühling. „Ihr seid alle 40 Jahre jünger geworden in dem Konzert“, ruft Wolfgang Niedecken zum Schluss seinen Fans zu. Als er sich kurz vor dem Ende so leidenschaftlich in seine alte Selbstvergewisserungs-Hymne „Jraaduss“ vertieft, als hätte er sie gestern geschrieben, wird deutlich: Da lebt ein Mann seinen Traum – immer noch. Schon dafür gebührt Wolfgang Niedecken jede Menge Respekt.

Die Setlist von BAP in Esslingen

1. Diss Naach ess alles drin

2. Südstadt, verzäll nix

3. Drei Wünsch frei

4. Nemm mich met

5. Wo mer endlich Sommer hann

6. Waschsalon

7. Ens em Vertraue

8. Nit für Kooche

9. Müsli Män

10. Müngersdorfer Stadion

11. Wellenreiter

12. Jojo

13. Deshalv spill mer he

14. Zehnter Juni

15. Wenn et Bedde sich lohne däät

16. Kristallnaach

17. Eins für Carmen un en Insel

18. Bahnhofskino

19. Ruut-wieß-blau querjestriefte Frau

20. Jupp

21. Alexandra, nit nur do

22. Verdamp lang her

23. Frau, ich freu mich

24. Do kanns zaubre

25. Anna

26. Ne schöne Jrooß

27. Hurricane / Stell dur vüür

28. Wahnsinn

29. Häng de Fahn eruss

30. Jraduss

31. Sendeschluss