Das junge Leonkoro-Quartett begeistert in der Liederhalle mit einem Streicherspiel von kaum glaublicher Virtuosität.
Was ist jetzt das? Im Stuttgarter Mozartsaal spielen vier Streicher Musik von Felix Mendelssohn. Das wäre an sich nichts Besonderes, nimmt man einmal die Tatsache aus, dass drei von ihnen stehen, nur der Cellist hat auf einem Stuhl platzgenommen. Das Scherzo von Mendelssohns viertem Streichquartett ist einer jener rasanten Sätze, die seit seiner frühen „Sommernachtstraum“-Ouvertüre zu den Markenzeichen des Komponisten geworden sind: Fast durchgehend sollen die Noten hier staccato, also deutlich voneinander getrennt, erklingen, dabei in schnellstem Tempo, und oft stehen Spiccato-Punkte darunter, das heißt, die Streicher müssen ihre Bögen in schneller Folge von den Saiten zurückspringen lassen. Dass vier Musizierende so etwas gleichzeitig hinbekommen: Das geht eigentlich gar nicht.
Leonkoro bedeutet Löwenherz
Wohl aber hier. Das erst 2019 in Berlin gegründete Leonkoro-Quartett verfügt über eine Spieltechnik und eine Spielkultur, die einem vor Staunen den Mund offenstehen lässt. Selbst bei aberwitzigen Tempi kommen parallele Läufe auf den Punkt, und wie selbstverständlich finden selbst im gestrüppreichsten Notendschungel Einzelgesten zusammen – als käme das Ensemble von einem anderen Stern.
Das tut es in gewisser Weise auch, denn so hochvirtuos wie dieses junge Quartett hat in früheren Zeiten kein anderes gespielt. Weil’s nämlich schlicht nicht nötig war: Das Niveau der Brüder Jonathan und Christoph Schwarz (an erster Geige und Cello) wie von Amelie Wallner an der zweiten Violine und Mayu Konoe an der (großen, sehr dunkel klingenden) Bratsche ist auch der Konkurrenz geschuldet und dem Druck des Marktes. Heute braucht man nicht nur Talent und Glück, um sich dort zu behaupten, sondern auch enormen Fleiß – und sehr viel innere Stärke. So gesehen hätte das Ensemble keinen passenderen Namen wählen können: Das Esperanto-Wort Leonkoro bedeutet Löwenherz.
Ganz ohne Kitsch
Es geht aber nicht nur um Äußeres. In Mendelssohns Andante erlebt man Vertiefung von fast Schubertscher Innigkeit. Und bei Mozarts letztem Streichquartett, dem dritten der „Preußischen“ Quartette, füllt sich die Kargheit des Materials mit einer Fülle feiner Abtönungen in Klangfarbe, Dynamik und Tempi.
Da ist aber noch Paul Hindemith, zu Unrecht ein Stiefkind des klassischen Musikbetriebs. Das Leonkoro-Quartett spielt sein zweites Streichquartett, in dessen Mittelsatz der Komponist das akustische Signet seiner Zeit als Militärmusiker im Ersten Weltkrieg einkomponiert hat. Doch der Trommelschlag dieses Marsches hat nichts Bedrohliches; auch die Taktwechsel des ersten Satzes und das quirlig Finale lassen die historischen Umstände von 1918 nicht erahnen.
Der Zugriff der vier Streicher gleicht aber einer emotionalen Starkstromleitung. Magisch angezogen, bleibt man hocherregt hängen, und die Seele plumpst, wenn der Energiefluss endet, in staunendem Entzücken zurück auf den Boden der Wirklichkeit. Als Zugabe streckt das Quartett dem Publikum Puccinis „Crisantemi“ entgegen, ganz ohne kitschiges Einpackpapier. Gewundert hat das keinen mehr.