Der Pop-Barde Joe Jackson hat in der Liederhalle einige seiner Hits gespielt – und das Publikum auf eine skurrile Zeitreise entführt.
Joe Jackson (70) ist ganz in seinem Element. Im violetten Frack mit Zylinder schmettert er im Beethovensaal die Songs eines gewissen Max Champion, eines fiktiven Vertreters der Londoner Music Hall-Szene. Die endete mit dem Ersten Weltkrieg, und der Popstar, Sänger, Pianist und Songwriter Jackson hat sich die Endphase des Jahres 1910 ausgesucht: Mit einer neunköpfigen Band in historischen Kostümen gibt er eine Lehrstunde in britischer Musikgeschichte.
Polka-Moll klingt da ebenso durch wie die Glanz- und Gloria-Hymnen des Empires, klassischer Insel-Folk und der Geist von Edward Elgars „Pomp and Circumstance“-Märschen aus der selben Ära. Der britische Humor blühte schon damals, mal geht es um „Morgenmuffel“, mal um „Sportmuffel“. Jackson spricht gut Deutsch mit hinreißendem Akzent.
Alleine am Piano
Die mit Hütchen und Rüschen kostümierten Musikerinnen und Musiker schwingen Geigenbögen, Beine und Posaunen, sie inszenieren Varieté-Atmosphäre vor einer riesigen Ansicht des historischen London. Im zungenbrecherisch wortreichen Porträt eines aufgeblasenen Schauspielers fällt schon damals der Satz: „The Show must go on.“ Die alte Tradition hallt nach, bei den jährlichen Proms, bei vielen britischen Bands – und ein wenig auch in den Songs von Joe Jackson.
Mit diesen hat er den Abend eröffnet, alleine am Piano: mit der Poesie in „Stranger than Fiction“, dem dramatischen Funk in „You Can’t Get What You Want“, dem überbordenden Lebenshunger in „Steppin’ Out“. Chronologisch hat Joe Jackson sich zurückgearbeitet in seinem Oeuvre bis hin zu „On Your Radio“, einem seiner frühen New-Wave-Songs von 1979. Und weil er in den 60ern noch nicht selbst aktiv war, spielt er zur Überbrückung in die 1910er Jahre „Waterloo Sunset“ von den Kinks – auch hier ist die musikalische Verwandtschaft offenkundig.
Am Ende bringt er seinen ersten Hit
Vor allem das Falsett in Jacksons komplexen Gesangslinien hat ein paar Federn gelassen. Das ist auch deshalb gut hörbar, weil er einen klangechten synthetischen Piano-Sound spielt und nicht wie sonst einen Flügel; der dynamische Klang des hölzernen Großinstruments hätte unter seinem kräftigen Anschlag den gesamten Saal zum Vibrieren gebracht und die Stimme besser eingebettet.
Am Ende intoniert Joe Jackson mit Band im Varieté-Sound seinen ersten Hit „Is She Really Going Out With Him?“, in dem er sich über das Londoner Paarungsverhalten Ende der 70er wundert. Das Stuttgarter Publikum hat sich auf die skurrile musikalische Zeitreise eingelassen und auf den leidenschaftlichen Vortrag des Sängers.
Es applaudiert frenetisch im Stehen und singt im Chor die letzte Zeile des Refrains: „There’s something going wrong around here.“ – „Irgendwas läuft hier falsch.“ Wer darin nun einen Spiegel der aus den Fugen geratenen Gegenwart erkennen wollte, würde den Pop von Joe Jackson überinterpretieren.
Und könnte fündig werden bei der britischen Punkband The Damned, die am 27. November im Wizemann spielt: Denn der Satz „Is She Really Going Out With Him?“ aus deren erster Single „New Rose“ aus dem Jahr 1976 war für Joe Jackson eine Initialzündung.