Jubel zum Auftakt: Das Bachfest Stuttgart hat in der Stuttgarter Stiftskirche mit hochexpressiven Barockwerken vom Dresdner Hof begonnen.
Bunt ist das Stuttgarter Bachfest, vielfarbig und kontrastreich. Dass das jährliche Festival der Internationalen Bachakademie aber keineswegs beliebig Unterschiedliches zusammenbringt, hat am Freitagabend schon das Eröffnungskonzert in der Stiftskirche bewiesen: Unter der Leitung des Akademieleiters Hans-Christoph Rademann begeisterte die Gaechinger Cantorey mit Werken, die keineswegs zu den Hits des geistlichen Repertoires zählen. Zwei Messen von Johann David Heinichen und von Jan Dismas Zelenka vereinen (damals) alte wie neue Kompositionstechniken, sie zeugen vom Glanz des barocken Dresdner Hofes ebenso wie vom Einfluss des italienischen Stils auf den deutschen und von der Oper auf die Sakralmusik. Bachs Werke sind die DNA des Festivals, doch für besondere Entdeckungen und für jede Menge Spannung sorgen die Blicke nach rechts und nach links.
Prachtvolles und Unkonventionelles
Dabei liegen stilistisch wie ästhetisch Welten zwischen Bachs Zeitgenossen Heinichen und Zelenka. Man hört Unkonventionelles, Kühnes und Hochkonzentriertes bei Ersterem, konzertante Pracht und Effektbewusstsein bei Letzterem. Pauschal gesagt: Heinichen, bis zu seinem Tod 1729 Hofkapellmeister am (zunächst protestantischen) Dresdner Hof Augusts des Starken, schrieb Musik für den zweiten, der aus Böhmen stammende Zelenka hingegen Musik für den ersten Blick. Davon zeugen im Konzert allein schon das befreite Lächeln der Singenden und Spielenden bei Zelenkas wohl unvollendeter „Missa Dei Filii“ – ein Lächeln, das umso überzeugender wirkt, als es dem hochvirtuosen Anspruch der Partitur diametral entgegensteht.
Tatsächlich sind Zelenkas immer vor allem aus der Musik heraus begründete Bewegungen und Affekte unter Rademanns hochexpressivem Zugriff offenbar weniger Hürden als Herausforderungen. Das gilt ganz besonders für das ausufernde Gloria, eines der beeindruckendsten, vielschichtigsten Klang-Tableaus, die der Komponist je geschaffen hat: Bis hin zum Schlussakkord, der (gefühlt) mindestens zwanzigmal erklingt, ohne dass das finale „Cum Sancto Spiritu“ danach wirklich enden würde, fegt das Ensemble ohne Rücksicht auf gelegentliche Präzisionsverluste wie ein Derwisch durch die Partitur – und serviert das Fugenthema dennoch in größtmöglicher Transparenz. Was für ein Rausch, und gleichzeitig: was für eine Klarheit!
Gut, dass Heinichens zwölfte (und letzte) Dresdner Messe zuvor erklingt, denn hier regiert neben großer Ausdrucksfülle eine Ökonomie der Mittel, deren Feinheiten man nach Zelenkas süffigen Klängen wohl kaum mehr wahrgenommen hätte. Zuweilen bewegt sich das Werk durch die Messliturgie wie ein hochgetunter SUV durch eine Tempo-30-Zone; man hört zum Beispiel nicht, dass es instrumental viel reicher besetzt ist als die „Missa Dei Filii“, weil Heinichen die Gesangsbegleitung sehr variabel gestaltet. Dabei bietet sein Stück, das in großen Teilen auf Textwiederholungen verzichtet, Überraschungen ohne Ende: harmonisch, in der Textausdeutung und in vielen chromatischen Passagen, die das gute Solistenquartett mit dem zuletzt deutlich tiefer und runder klingenden Tenor Benedikt Kristjánsson an der Spitze emphatisch und präzise gestaltet. Die stärkste Wirkung erzielen dabei das dreistimmige „Et incarnatus est“ des Credo-Satzes und der Schluss des Agnus Dei. Bevor es dort im „Dona nobis pacem“ zu jenem Zustand kommt, als dessen Botschafter sich der Akademieleiter versteht, setzt Heinichen wirkungsvoll eine Generalpause, bei der das Publikum den Atem anhält. Vor dem Frieden steht der Waffenstillstand. Wir lauschen und hoffen.
Bachfest Stuttgart – die Höhepunkte 2026
Festival
Unter dem Motto „Weil wir Bach lieben!“ veranstaltet die Internationale Bachakademie Stuttgart bis zum 28. März ihr jährliches Musikfest, das 2026 zum zweiten Mal den Titel Bachfest Stuttgart trägt.
Klassik-Stars
Zu erleben sind bekannte Ensembles wie Concerto Copenhagen („New Brandenburg Concertos“ am 26. März), Solomon’s Knot (Bachs Markus-Passion am 25. März), Voces Suaves und Gli Incogniti (Buxtehude, „Membra Jesu Nostri“ am 27. März), Le Concert de l’Hostel Dieu („Bach to Minimalism“ am 20. März), Vox Luminis und das Freiburger Barockorchester (Telemann-Kantaten am 16. März).
Hans-Christoph Rademann
Der Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart erarbeitet mit den Nachwuchsmusikern des Jungen Stuttgarter Bach-Ensembles (JSB) Bachs lutherische Messen (Gesamtaufführung am 22. März), zudem dirigiert Rademann die Gaechinger Cantorey bei Bachs h-Moll-Messe (Abschlusskonzert am 28. März). Diese Aufführungen werden von zahlreichen Vorträgen flankiert.
Vielfalt
Neben Barockmusik gibt es Jazz, Improvisation, Kinderkonzerte (etwa mit den Hanke Brothers), ein „Bachtanzlab“ zu Bachs Geburtstag (21. März), eine Hommage an Paul Gerhardt mit dem Windsbacher Knabenchor und der klassischen Band Spark (24. März), und Pianist Tim Allhoff schlägt mit dem Streichquartett Vienna Morphing Quartet Brücken von Bach zu den Beatles (23. März).
Service
Karten und Informationen unter Telefon 0711 / 619 21 61 (Easy Ticket) oder im Internet unter www.bachfest-stuttgart.de .