Die Alternative-Metal-Band Deftones ist am Montagabend in Stuttgart aufgetreten. Setlist und Kritik vom Konzert in der ausverkauften Schleyerhalle.
Seit weit über einem Vierteljahrhundert irrt Stephen Carpenters trotziges Gitarrenriff schon durch ein Labyrinth aus störrischen Beats, das Abe Cunninghams und Frank Delgado beisteuern, während sich Chino Moreno mal flüsternd, mal brüllend nach einer Apokalypse sehnt, die all den Druck, der auf ihm lastet, endlich ein Ende setzen, all den unerträglichen Lärm der Welt verstummen lassen könnte. Als die Deftones im November 1997 „My Own Summer (Shove It)“ veröffentlichten, schufen sie damit einen neuen Standard, an dem sich alle künftigen Nu-Metal-Songs messen mussten. Und wie intensiv, dramatisch und verstörend dieses Aufbegehren gegen die Überforderung noch immer wirkt, beweist die Band aus Sacramento/Kalifornien, als sie das Lied am Montagabend in der ausverkauften Schleyerhalle in Stuttgart spielt.
Die Deftones inszenieren verstörende Traumwelten
Als dieser Klassiker dran ist, sind die Deftones schon im Zugabenteil ihrer anderthalbstündigen Show angekommen, bei der im Vorprogramm die Post-Hardcore-Band Drug Church und der Rapper Denzel Curry aufgetreten sind. „Das ist unser letzter Abend in Deutschland“, verrät Chino Moreno, der sonst zwischen den Liedern wenig sagt. Er lobt zwar das deutsche und speziell das Stuttgarter Publikum („Wow, nicht schlecht für einen Montagabend!“), wer aber darauf gehofft hat, dass er sich vielleicht auch mal ein Statement zur aktuellen Situation in seiner US-amerikanischen Heimat abringt, wird enttäuscht.
Aber irgendwie hätte das auch nicht zu dieser Band gepasst, die in ihren Songs immer wieder filigran-brachial den Eskapismus inszeniert, sich in Traumwelten voller dunkler Romantik, intimer Sehnsucht, sexueller Fantasien und Obsessionen zurückzieht. Die Lichtregie lässt sich einiges einfallen, um Songs wie „Digital Bath“, „Cherry Waves“ oder „Change (in the House of Flies)“ berückend in Farben zu hüllen, während auf der übergroßen Leinwand hinter der Band Videos zu sehen sind, die die Liedtexte in surreale, expressionistische oder symbolistische Bilderwelten übersetzen.
Manche Songs klingen nach einer Überdosis psychedelischer Drogen
Manchmal verheddert sich die Band in Stuttgart zwar in Nu-Metal-Routinen, manchmal klingen die Songs an diesem Abend nach einer Überdosis psychedelischer Drogen. Doch dafür gibt es aber auch immer wieder großartige Momente voller störrischer krummer Beats, atmosphärischer Harmonien und brüchiger Melodien. Am besten ist die Show als erst zum nervös zappelnden Riff von „infinite source“ eine Schlange über die Leinwand kriecht, dann zum elegischen „Sextape“-Meereswellen zu sehen sind, und schließlich bei der Nummer „Hole in the Earth“, durch die ein perfider Dreivierteltakt tobt, hinter den Musikern blutrot ein Vulkan ausbricht.
Und auch wenn die Deftones in Stuttgart leider nicht ihr verblüffendes Smiths-Cover „Please Please Please Let Me Get What I Want“ spielen, so schmuggeln sie doch zumindest das Sample in ihr Live-Set, das man aus der Smiths-Nummer „Rubber Ring“ kennt, und das als Mantra den Eskapismus von Chino Moreno und Co. wunderbar zusammenfasst: „You are sleeping, you don’t want to believe!“ Du schläft, du willst es nicht glauben!
Setlist: Deftones in Stuttgart
- Be Quiet and Drive (Far Away)
- locked club
- ecdysis
- Diamond Eyes
- Rocket Skates
- Digital Bath
- souvenir
- my mind is a mountain
- Lhabia
- Rosemary
- cut hands
- infinite source
- Sextape
- Hole in the Earth
- Change (In the House of Flies)
- Genesis
- milk of the madonna
- Zugaben:
- Cherry Waves
- My Own Summer (Shove It)
- 7 Words
Deftones: Weitere Tourtermine
Stuttgart war das letzte Deutschlandkonzert im Rahmen ihrer aktuellen Tour. Die nächsten Konzerte finden in Amsterdam (10. Februar), Birmingham (12. Februar), Glasgow (13. Februar), Manchester (14. Februar), Dublin (16. Februar), Cardiff (18. Februar) und London (20. Februar) statt. Infos und Tickets gibt es hier.