Es ist ein künstlerisches Freischwimmen, das der Dancehallcloudrap-Künstler Trettmann seit der Trennung von Kitschkrieg, lernen musste. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut/Ferdinando Iannone

Er brauche mehr Zeit, neue Musik zu schreiben, neue Strukturen aufzubauen und Menschen zu finden, um denen er diesen kreativen Prozess gehen kann. Aus diesen Gründen hat Trettmann seine Tour verschoben. Das Nachholkonzert fand gestern in der Schleyer-Halle statt.

Als ersten Song und gleichzeitig Antwort auf die Frage, wie’s ihm geht, nun ein Jahr später als geplant auf der Bühne zu stehen und seine „No more sorrow“-Tour anzutreten, kann man den Titel „So lang“ betrachten. Trettmann singt den Opener vom Dach eines Leinwandblocks stehend, cremefarbene Plüschmütze aufm Kopf, Sonnenbrille auf: „Alles gut, trage immer noch die Shades. Und nach hundert Sad Songs tut es nicht mehr weh.“

 

Trettmann ohne Kitschkrieg

Es klingt nach einem Befreiungsschlag, nach Trennungsschmerz, nach Neuland, nach aufstehen und weitermachen. Nur eben ohne Kitschkrieg, dem Produzenten-Trio, das jahrelang nicht von Trettmanns Seite wegzudenken war. Vergangenes Jahr hat man verkündet, fortan getrennte Wege gehen zu wollen. Einschneidend, für beide Seiten. Trettmanns neueste EP „Your love is king 3“ kommt ohne deren Mitwirken heraus.

Währenddessen gehen in der Schleyer-Halle die Feuerzeuge hoch, die Menge jubelt. Wer hier ist, gehört zu den Echten, ist dem Dancehall-Artist auch auf seinen neuen Wegen treu. Das ist der Textsicherheit zu entnehmen, wenn Tretti das Mikrofon in die Menge hält, und auch der Energie, die sich trotz abgehängtem Drittel der Halle, zwischen Künstler und Publikum entwickelt. Man pusht sich gegenseitig hoch, zu Hits wie „Knöcheltief“ und „Gekreuzte Finger“, aber auch zu neuen Werken wie „Was es braucht“ - trotz angeschlagener Stimme, wie der Rapper zwischen den Songs zugibt.

Spendenaufruf gegen Rechts

Zum Titel „New York“ entern Tänzerinnen mit Regenschirmen die Bühne, bei „Haus aus Zink“ ist Sängerin Luna live mit von der Partie. Zwischendrin nutzt der Künstler eine Pause, um auf seine Spendenaktion für Projekte gegen Rechts aufmerksam zu machen, die er im Zuge der Zusammenarbeit mit Musikkollege Jassin, aus der auch der neue Titel „Nach Hause komm“ entstanden ist, ins Leben gerufen hat. Wer spenden kann und möchte, kann über die Plattform betterplace.org das Projekt „Augen auf“ finden, dem mittlerweile rund 13.000 Euro Spenden zugegangen sind. „Wegschauen oder zusehen sind keine Option. Zeigt Solidarität!“, ruft er in die Halle und erntet dafür bekräftigenden Applaus.

Zum Abschluss des Konzerts findet der Wahl-Leipziger zu „Nur noch einen“ auch noch seinen berüchtigten Hüftschwung wieder. „Nur noch einen, nur noch einen und das war’s. Kill nicht meinen Vibe, kill das Glas! Einen allerallerletzten an der Bar ... .“ Über so manche Trennung hat wohl schon ein Drink hinweggeholfen.