Die Stuttgarter Philharmoniker spielen unter der Leitung des jungen britischen Dirigenten Adam Hickox Werke von Sibelius, Schumann, Henriëtte Bosmans und Nielsen.
Im skandinavischen Raum gehören seine Werke zum Standardrepertoire, hierzulande werden sie bedauerlicherweise nur selten gespielt. Dabei gehört Dänemarks Nationalkomponist Carl Nielsen zu den interessantesten, vielseitigsten und originellsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.
Die Stuttgarter Philharmoniker haben jetzt die fünfte seiner insgesamt sechs Sinfonien im Beethovensaal aufgeführt – in einem Konzert ihrer Reihe „Zwanziger Jahre“. Denn in dieser Zeit (1920/21) hat Nielsen seine Fünfte komponiert. Der größte Teil des Publikums dürfte überrascht gewesen sein: weil die Sinfonie nur zwei statt vier Sätze hat und weil darin Hörerwartungen ständig durchkreuzt werden.
Der Dirigent als perfekter Impulsgeber und Gestalter
Wie zu Beginn: Entspannt baut sich ein Klangteppich auf, zwei Fagotte duettieren – singend, entrückt. Streicher wiegen sich ein. Dann zerstört eine Marschtrommel unvermittelt die Idylle. Man kann aus Nielsens Fünfter die Erschütterung und Verunsicherung der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg heraushören.
Die Philharmoniker spielen das fantastisch: die spätromantischen Naturidyllen, die intimen Adagio-Gesänge, andererseits die schrill-dissonanten Einbrüche und Steigerungen samt insistierenden Tonrepetitionen und perkussivem Radau des gesamten Orchesters. Eine der avantgardistischen Ideen Nielsens im Kopfsatz: Ein Trommler (Manuel Gira) macht sich plötzlich selbständig – in eigenem, vom Orchester unabhängigen Tempo – und wird erst durch eine Solo-Klarinette (Ute Münch), die den Satz zum traumverlorenen Verklingen bringt, in seine Schranken verwiesen.
Der junge britische Dirigent Adam Hickox, demnächst Chef des norwegischen Trondheim-Sinfonieorchesters, offenbart sich als ein perfekter Impulsgeber und Gestalter. Er pflegt einen eleganten Dirigierstil mit kreisenden, welligen, fließenden Bewegungen. Das Orchester folgt seinen Vorstellungen hörbar gerne.
Ein weiteres Highlight hatte zuvor den Konzertabend erhellt: die Cellistin Raphaela Gromes, in blauem Glitzer-Overall, gute Stimmung verstrahlend, mit lyrischem Überschwang. Da überhört man gerne die intonatorischen Schlacken im virtuosen Gewusel. Sie spielt Schumanns spätes Cellokonzert – heute Repertoire, früher Stiefkind der Virtuosen, weil es ihnen offenbar zu wenig Show machte. Vielleicht auch wegen seines Mittelsatzes, in dem Schumann das Cello aus seiner Einsamkeit befreite, ihm einen innigen Dialog mit dem Orchester-Solocello (Bernhard Lörcher) schenkte. Weil Gromes zu den kommunikativen Solistinnen gehört – immer mit einem Ohr im Orchester –, wird dieser Satz zum berührenden Ereignis.
Gromes hat aber auch eine Mission. In ihrem Projekt „Femmes“ holt sie seit einigen Jahren Komponistinnen aus dem Dunkel der Musikgeschichte. An diesem Abend spielt sie das „Poème“ für Cello und Orchester der Niederländerin Henriëtte Bosmans (1895–1952). Ein mitreißendes Werk von 1923, spätromantisch mit impressionistischem Einschlag und von großer emotionaler Kraft, die einen vom ersten Takt an in den Hörsog zieht. Inspirierend und glücklich machend!