Solistin Elena Graf begeisterte in der Balinger Stadthalle. Foto: Michael Leibfritz

Begeisterung und Jubel löste das Orchesterkonzert in der Balinger Stadthalle aus. Auf die Ohren gab es Peter Iljitsch Tschaikowski und Jean Sibelius.

Zwei Komponisten aus dem russischen Zarenreich standen auf dem Programm: Peter Iljitsch Tschaikowski komponierte seine 4. Sinfonie 1877, ein gewaltiges Werk, ein Seelendrama, in das er sein persönliches Schicksal einfließen ließ. Jean Sibelius hat mit seinem Violinkonzert von 1905 ein Standardwerk dieses Genres geschaffen. Es zählt zu den schwierigsten Stücken für Violine und man durfte am Sonntagabend gespannt sein, wie die Solistin Elena Graf zusammen mit Dirigent und Orchester diese Herausforderung meistern würde. Sibelius stammte aus Finnland, das damals zu Russland gehörte.

 

Die Herkunft beider Komponisten nahm Dirigent Dietrich Schöller-Manno in seiner Einführungsrede zum Anlass, dieses Konzert als einen Appell aller Kulturschaffenden an die Politik zu verstehen, sich für innere Werte und Völkerverständigung einzusetzen, statt auf das Recht des Stärkeren zu setzen.

Explosiver Gefühlsausbruch

Die Solistin Elena Graf eröffnete den Abend mit Sibelius’ Violinkonzert. Vom ersten Ton an verzauberte sie das Publikum mit ihrer Stradivari-Geige. Das ebenso schlichte wie schöne Eingangsthema entfaltete sich über den pianissimo gespielten Achteln der Tutti-Violinen. Doch schon bald bewegte sich die Solovioline selbstbewusst und kräftig über dem Klang des ganzen Orchesters. Auch in den tiefen Lagen konnte sie ihrer Violine warme und kräftige Töne entlocken und die Zuhörer in skandinavische Klangwelten entführen. Die raffinierten und rhythmisch extrem schwierigen zweistimmigen Passagen im lyrischen zweiten Satz wurden von Elena Graf souverän dargeboten. Fast unhörbar endete der Satz im zarten Pianissimo.

Der überschäumend ekstatische dritte Satz gehört mit seiner ausdrucksstarken Virtuosität zu den markantesten Finalsätzen der gesamten Violinliteratur. Hier konnte Elena Graf ihr ganzes Temperament und ihr technisches Können einbringen. Sie meisterte die außerordentlichen Schwierigkeiten auch dank exzellenter Bogentechnik hervorragend. Das Orchester begleitete einfühlsam und ermöglichte der Solistin die freie Gestaltung ihres Partes.

Auf eine ganz andere Art bildete Tschaikowskis 4. Sinfonie den zweiten Höhepunkt dieses ganz außergewöhnlichen Konzertes: Hier konnten Orchester und Dirigent die Früchte einer überaus intensiven und absolut professionellen Vorarbeit ernten. Das Publikum wurde regelrecht mitgerissen von den extremen Stimmungsschwankungen dieser Sinfonie, die vom zarten, harmlosen und liedhaften Motiv bis zum explosiven Ausbruch der Gefühle reichte.

Zuhörer wurden mitgerissen

Ohne Umschweife verkünden die Blechbläser gleich zu Beginn symbolisch das unausweichliche Schicksal mit ihrem massiven, bedrohlich wirkenden Motiv. Das ist laut Tschaikowski der „Kern der ganzen Sinfonie, ihr Hauptgedanke“. Anders als Beethoven in seiner 5. „Schicksals-Sinfonie“ spinnt Tschaikowski diesen musikalischen Gedanken nicht weiter, sondern stellt schroff scheinbar Unvereinbares gegenüber. Auf das dunkel drohende Schicksalsmotiv folgt ein harmloses Walzerthema und das in einem Klarinettensolo angedeutete unbeschwerte Glück. Ausgehend vom Dirigenten übertrugen sich Musizierfreude und Begeisterung auf alle Musizierenden, was man eben nur im „Live-Konzert“ so hautnah erleben und spüren kann.

All dies mündete im finalen Satz in eine regelrechte Ekstase. Prächtig gelang der arcademia sinfonica die Darstellung eines stürmischen Volksfestes. Ausgelassenheit, Freude, ja Übermut in dramatischer Steigerung rissen die Zuhörer mit.