Zeitgenössisches Oratorium mit Fundstücken aus Händels „The Triumph of Time and Truth“: Aufführung von Detlef Heusingers „The Foundlinghose“ im Rahmen der Badenweiler Musiktage. Foto: Dorothee Philipp

In der Pauluskirche in Badenweiler wird das Oratorium Georg Friedrich Händels verwoben mit Detlef Heusingers Foundlinghouse-Oratorium.

Mit „The Foundlinghouse“ des Komponisten Detlef Heusinger verließen die Badenweiler Musiktage 2026 wieder einmal bekannte Pfade des Musikhörens und Musikschaffens. Das erfreulich zahlreiche Publikum in der Pauluskirche folgte mit Spannung dem Experiment Heusingers, „Fundstücke“ aus dem selten aufgeführten Händel-Oratorium „The Triumph of Time and Truth“ mit eigenen kommentierenden Kompositionen zu verschränken.

 

Schicksal Waisenkind

Heraus gekommen ist ein eindrucksvolles Werk mit 25 Nummern, das mit einem ebenfalls wenig bekannten „Hallelujah“ aus dem Händel-Oratoriuim schließt. Mit dem Titel würdigt Heusinger die Unterstützung Händels für das Londoner Waisenhaus, in dem verlassene Kinder eine Lebensperspektive erhielten, richtet den Blick aber auch auf das Schicksal von Waisenkindern in der heutigen Zeit.

Amaya und Eleni Menzel steuerten in der Pauluskirche Verse bei. Foto: Dorothee Philipp

Worum geht es in Händels Werk? Die Akteure Schönheit, Wahrheit, Vergnügen, Zeit und Täuschung werden durch Gesangssolisten personifiziert, die in einem komplizierten Beziehungsgeflecht stehen.

Facettenreiches Ensemble

Aufgeboten war ein facettenreiches Ensemble mit der Mädchenkantorei am Freiburger Münster unter der Leitung von Martina van Lengerich, den Männerstimmen vom Freiburger Münster, Mitgliedern des Cantus Stuttgart, renommierten Gesangssolisten und dem jungen Knabensopran Stephan Rahn von der Capella Vocalis Reutlingen. Das Instrumentarium war nicht weniger extravagant: Mitglieder des Foundlinghouse Consort und des Bachorchesters Stuttgart spielten auf historischen Instrumenten, darunter eine Theorbe mit ihrem langen Hals, eine Barockoboe und eine Schalmei. Am Cembalo saß Musiktage-Intendant Moritz Ernst. Die Gesamtleitung hatte Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn aus Stuttgart.

100 Metronome

Dass es um ein ganz außergewöhnliches Stück ging, erlebte das Publikum schon am Anfang: Hundert aus ganz Badenweiler zusammengeliehene Metronome tickten und pickten in die Stille, während Heusinger von der Tür her mit zarten Lautenklängen einzog. Den verschlungenen und anspielungsreichen Handlungsfaden machte er als Sprecher im Dialog mit zwei Zwillingsmädchen (Amaya und Eleni Menzel) sichtbar, die immer wieder auf der Kanzel erschienen und in barockisierenden Versen ihre Meinung als Waisen hören ließen. Sie setzten das Publikum auch auf die Fährte, wie Händels Welt in unsere heutige zu übersetzen sei: Ein Narrenschiff legt auf einer Benefizkonzertreise für das Foundlinghouse in Deutschland an und gerät durch einen Zauber in die heutige Zeit.

Kunstgriff des Komponisten

Ein Kunstgriff, der es Heusinger erlaubt, als Komponist mit barocken Stilmitteln zu spielen und sie bis an ihre Grenzen auszureizen. So fügten sich die „Fundstücke“ aus dem Händel-Oratorium nahtlos in das Gewebe, dem Heusingers Beiträge ein schillerndes, facettenreiches Profil gaben. Auch wenn die englischen Texte nicht immer gut zu verstehen waren, zeigte die Musik doch eindrücklich worum es ging. So malt er das Grabmal Händels in düsteren Orgel-Clustern mit wabernden Bässen, lässt den Solo-Sopran (Inga Schäfer) in „The folly Song“ in unglaublich hohen Lagen starke Emotionen ausleben, die Altistin (Noa Frenkel) in „The black Song“ Tragik und Seelentiefe beschwören.

Ein Höhepunkt war die Händel-Arie „Sharp Thorns“, die der junge Sopran (Stephan Rahn), dezent begleitet von der Orgel, von der Empore sang. Überirdisch rein und klar schwebte diese Musik durch den hohen Kirchenraum. Der Bariton Jakob Kunath präsentierte den Shadow Song Heusingers in einem magischen Licht und entfaltete in Händels innig-schöner Arie „From the Heart“ barocke Ausdruckskraft. Nachdem der letzte Ton von Händels Hallelujah mit seinen himmelwärts strebenden Melodielinien verklungen war, rauschte begeisterter Beifall auf, der in stehende Ovationen mündete.

Kirchenglocken stören

Ein lautstarker Wermutstropfen in dem vor allem von leisen Nuancen und raffinierten Tonfarben lebenden Werk waren die Kirchenglocken, die mitten im Konzert ihr zehnminütiges volles Sechsuhrläuten anstimmten.