Rock Evolution, eine musikalische Geschichte über 700 Jahre, erklang in der Klosterkirche.
Ein durch und durch gemischtes Publikum, vom Klassikfan bis zum Rockfan, begrüßte am Samstagabend in der fast vollen Klosterkirche Alpirsbach den Kantor Christian David Karl. Sichtlich erfreut griff dieser zum Mikrofon und moderierte einerseits das Konzert, andererseits saß er selber an der Orgel und zeigte sein weit umspannendes Können.
Die Beine bewegten sich auf den Pedalen, als ob er mit der Orgel Rock 'n' Roll tanzen würde – was er ja auch machte, bei Bill Haleys „Rock around the Clock“. Ein Besucher sagte danach: „Dazu tanzten wir damals, 1962 und folgende Jahre, als die Lehre vorbei war und das Leben begann, herrlich.“
700 Jahre Rhythmus, der bewegen, eben rocken will, präsentierte Karl in dieser guten Stunde Musik. Das erste Orgelstück der Musikgeschichte überhaupt erklang, von circa 1360, ein Stampftanz, zu dem Karl gegen Ende seine Beine auch stampfen ließ, ohne Klang, denn Pedale hatte das Örgelchen damals wohl noch nicht.
Bis hin zur Rockmusik
Es folgten Werke von Michael Praetorius, Johann Sebastian Bach, Léon Boëllmann, Bill Haley, Michael Jackson, Survivor und Queen. Mit der Reihenfolge der gut ausgewählten Stücke führte Karl spielend durch die Musikgeschichte bis hin zur Rockmusik, zur „Bewegungsmusik“, zum Titel des Konzerts: Rock Evolution.
Die ersten Begeisterungsrufe erklangen nach der Toccata aus der Suite Gothique von Léon Boëllmann. Ein Bravourstück, mit markantem Bass und viel Bewegung. „Beeindruckend, was so eine Orgel alles kann.“ Und: „Es hätte etwas lauter sein können, damit das Rockgefühl auch rüberkommt.“ Sowie: „Ich bin tiefenentspannt, alles nur schön, und keine ohrenbelastende Lautstärke“, waren die Meinungen des Publikums im Nachhinein.
Eine gute Wahl, dieses c-moll Präludium aus dem ersten Band des wohltemperierten Klaviers von Bach. Ja, das hätte etwas rockiger sein dürfen, etwas härter in der Registrierung, damit es eben zum Rock wird.
Mit gruseliger Atmosphäre
Dann die berühmte d-moll Toccata, dargebracht mit langen Pausen und großer Spannung. Michael Jacksons „Thriller“; genial gespielt, mit gruseliger Atmosphäre, toll registriert. Bei der „Bohemian Rhapsodie“ ebenso; da war alles zu hören, was dieses komplexe Werk auch im Original zu bieten hat, vom Organisten selber auf die Orgel übertragen, was für eine Arbeit und was für ein differenziertes Ergebnis. Jede Stimme wurde mit Händen und Füßen erfasst – jedoch – der Klang blieb eher vorne in der Kirche hängen.
Die vielen Begeisterungsrufe kamen auch durchweg aus der vorderen Hälfte der Kirche. War da vielleicht etwas zu viel Differenzierung, die der lauten Rockmusik etwas wegnahm? „Eine Orgel müsste für diese Kirche eigentlich 50 Register haben, nicht 35, aber das ist für eine fahrbare Orgel nicht machbar“, so Karl.
Improvisationskunst des Kantors
Seine Improvisationskunst zeigte der Kantor bei einem Blues und einer Chaconne. Blues an der Orgelskulptur, ein Erlebnis. Diese Skulptur erstrahlte in rotem, warmen Licht, mit lila ausgeleuchtetem Hintergrund, fein illuminiert von Matthias Zizelmann. Die anschließende Orgelverfahrung wurde mit Interesse verfolgt und mit vielen Handys dokumentiert. Die dafür ausgebildete Orgelverfahrungsgruppe erhielt ihren eigenen Applaus.