Der Heidenheimer Rapper Şevket Dirican, alias Chefket, spricht auf der Bühne Klartext. Beim Tourstart in Stuttgart sorgte er für ein klares Statement.
Muss Chefket, türkischstämmiger Rapper aus Heidenheim an der Brenz, nun damit leben, dass man sich mehr für sein T-Shirt interessiert als für seine Musik? Wohl kaum. Chefket, bürgerlich, Şevket Dirican, geboren 1981, war zu Jan Böhmermann geladen, ausgerechnet am 7. Oktober, dem Jahrestag des Angriffs der Hamas auf Israel. Staatsminister Wolfram Weimer sichtete den Rapper medial mehrfach in einem T-Shirt, das Palästina ohne Israel zeigt, interpretierte dies als Leugnung des Existenzrechtes des Staates Israel und ließ die Böhmermann-Show platzen: Chefket wurde ausgeladen, weitere Künstler zogen sich zurück.
Sucht man nun im Netz nach Bildern, die den Rapper im Shirt zeigen, findet man sie nicht, stellt stattdessen aber fest, dass ein bekannter Online-Händler ähnliche T-Shirts in unzähligen Varianten anbietet. Und am Mittwochabend, im Wizemann, bei Chefkets Stuttgarter Tourstart, kümmert es keinen.
Chefket selbst zeigt sich an diesem Abend spät erst in einem weißen T-Shirt. Ganz zu Beginn trägt er einen Parka mit Kunstpelzkragen, tritt auf mit Kapuze und beginnt sein Konzert mit einem Statement. Er rappt: „Wenn du wissen willst, wie Türken leben, geh und frag sie, aber nicht in einem Dönerladen oder Taxi. Wenn du wissen willst, wie Deutsche leben, geh und frag sie, und wenn du mal mit ihnen streitest nennen sie dich noch Nazi. Es gab sie, es gibt sie und es wird sie immer geben. Steiger dich nicht rein, denn die meisten sind dagegen – gegen Rassismus, gegen Antisemitismus.“ Die „Deutschen“, so rappt Chefket weiter, seien ein Volk, das eine schwere geschichtliche Last trage, das seine Vergangenheit aber aufgearbeitet habe. Allerdings, auch das sagt er Deutschland: „Leider sind deine großen Dichter und Denker tot.“ Und die Türken? „Machen Party, tanzen türkischen Sirtaki.“
Allerbreitester Ländle-Slang
Und Party gibt’s dann auch im Wizemann. Der kleinere Saal dort ist gut gefüllt, das Publikum ist gut gemischt, hinsichtlich Alter und kulturellem Hintergrund. Chefket stellt sein neues Album vor, es heißt „Dr. Dirican“, wird an diesem Abend zum ersten Mal verkauft, ist bislang nicht im Handel. Man erlebt einen Rapper, der unfassbar schnell zu reden vermag, auf Deutsch und auf Türkisch, vielleicht auch in anderen Sprachen, tatsächlich auch auf Schwäbisch.
Chefket hat Gäste mitgebracht ins Wizemann. MP Freshly tritt auf in seinem Vorprogramm, eine Breakdancerin tanzt vor der Bühne, der Stuttgarter Rapper Darren Brown kommt früh schon auf die Bühne, und auch der Göppinger Comedian Serdar Karibik ist da. Mit ihm nahm Chefket 2024 den Sommerhit „Bausparvertrag“ auf, und nun stehen sie gemeinsam im Wizemann auf der Bühne und rappen im allerbreitesten Ländles-Slang: „Maultasche, Spätzle, Bratensoß‘!“
Wilder Tanz um harte Beats
Chefkets Konzert entpuppt sich als gut gelaunte Rap-Multikulti-Party mit einem souverän entspannten Gastgeber, den es auch nicht aus der Ruhe bringt, wenn er einmal den eigenen Text vergisst. Hinter ihm, am Pult, steht DJane Salome, die den Mann am Mikrofon mit harten Beats befeuert, mit Pianosounds, ein bisschen Soul und R’n’B, die aber auch einmal die Regler ruhen lässt, um gemeinsam mit ihm wild zu tanzen zu Bob Marleys „Could you be loved“.
Chefket selbst übt sich in Unbescheidenheit („Normalerweise spiel ich nicht in so kleinen Läden“), zeigt Optimismus („Auch wenn ihr über 30 seid – ein bisschen Hiphop ist in jedem drin“), lässt minutenlang türkische Musik spielen, hat auch eine türkische Sängerin aus Hamburg für sein neues Album gesampelt. Die Zugabe, die seine Fans einfordern, bekommen sie mit zwei alten Hits, und Chefket verabschiedet sich, kindlich froh, mit einen Reggae-Song, singt: „Die große weite Welt ist meine Nation“.