Julia Fischer Foto: SKS Russ

Das britische Kammerorchester Academy of St. Martin in the Fields spielt in der Meisterkonzertreihe im Beethovensaal – mit Julia Fischer am Konzertmeisterinnenpult.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden Konzerte vom ersten Geigenpult aus geleitet. Die Machtstellung des Dirigenten, der oft genug selbstherrlich, mit wilder Gestik agiert, ist Ergebnis der Entwicklung in der Romantik, die immer größer besetzte, technisch vertracktere Werke hervorbrachte. Da muss jemand stehen, der die komplexe sinfonische Klangwelt zusammenhält. In vielen kleiner besetzten Ensembles wie Kammerorchestern ist es schon seit langem Normalität, zur vorromantischen Praxis zurückzukehren und auf dirigierendes Personal zu verzichten. Auch dass Klassiksolostars leitende Funktion übernehmen, ist nicht neu. Sie verharren aber in der Regel in der Position des zentralen Sterns einer Aufführung. Dass sie sich ans Konzertmeisterpult setzen und sich damit in den Klangkörper integrieren, ist nach wie vor eine Seltenheit.

 

Das Ensemble und die Stargeigerin vereint in Spielfreude

Die Geigerin Julia Fischer ist da allürenfrei. Das bewies sie auch in ihrem Konzert mit dem britischen Kammerorchester Academy of St. Martin in the Fields im Rahmen der Meisterkonzertreihe im Stuttgarter Beethovensaal. Mit fantastischem Ergebnis. Auf ein Solo verzichtete sie nicht. Aber sie spielte keinen Virtuosinnenknaller, sondern die beiden zurückhaltenden Romanzen von Beethoven: einsätzige Geigenarien, in denen Fischer die melodische Qualität ihres Tons zeigen konnte. Bartóks neoklassizistisches Divertimento für 22 Streichinstrumente von 1940 leitete sie vom Konzertmeisterinnenpult aus. Man merkte sofort, dass sie und das Ensemble sich bestens kennen. Die Kommunikation funktionierte perfekt, hörbar in der riesigen, fein abschattierten dynamischen Bandbreite und der Präzision, mit der die schroffen Kontraste plastisch erfasst wurden: ob satte Farbfülle, entbeinte Bleiche, tänzerische Gelassenheit oder finstere, von grellen Aufschreien zerfurchte Tiefe.

Ein Konzert, das Glückshormone freisetzt

Schuberts Fünfte dann als Gegensatzwerk, jetzt mit Bläserfraktion, genauso mitreißend. Die Meistersinfonie eines 19-Jährigen: von lichtem apollinischen Wesen, schlank, leicht, heiter. Das Ensemble und die Stargeigerin vereint in Spielfreude und einem liebevollen Umgang mit Schuberts jugendlichen Furor, dem melodischen Fluss, der oft fluffig federnden Rhythmik und den vielen harmonisch pfiffigen Einfällen, die immer an entscheidenden Stellen ihre Schatten auf das Helle, Lichte werfen. Ein Konzert, das Glückshormone freisetzte.