Yuval Weinberg und das SWR Vokalensemble Foto: SWR/Klaus Mellenthin

Das SWR Vokalensemble und das Freiburger Barockorchester haben im Mozartsaal Weihnachten auf Südamerikanisch gefeiert.

Dieses Lied sollten alle Chöre in ihr Weihnachtsprogramm aufnehmen: „Este niño chiquito“ (Kindlein in der Wiege), 2012 komponiert von der Argentinierin Georgina Perazzo. Meditativer, anrührender, allerschönster Chorklang. Eingefangen wird ein Moment, da Maria liebevoll ihr Baby betrachtet: „Schlaf ein, mein Majoranpflänzchen, mein Morgensternchen, schlaf ein.“

 

Im Weihnachtskonzert des SWR Vokalensembles „Navidad!“ unter der Leitung von Yuval Weinberg gab es noch sehr viel mehr hierzulande unbekannte, attraktive Weihnachtsmusik aus Hispanoamerika zu hören – zeitgenössische und eine Menge barocke. Der ausverkaufte Mozartsaal der Liederhalle war kuschelig-warm beleuchtet, die Bühne geschmückt mit riesigen Weihnachtssternen und Bonbon-Ketten in südamerikanischer Farbenpracht.

Kubas Weihnachtsbotschaft

Unter den neueren Stücken elektrisierte vor allem „Cántico de celebración“ (Feiergesang), komponiert 2001 vom Kubaner Leo Brouwer. Langsam mutiert das Werk von verinnerlichtem A-cappella-Gesang zu pulsierenden Rhythmen. Die Vokalstimmen werden zu Perkussionsinstrumenten: „Deah badu badum deah . . . Chiquitiqui paquitiqui . . .“ Kubas Weihnachtsbotschaft lautet: „Bring deinen Körper in Schwung, dafür ist er ja da.“

Dirigent Yuval Weinberg Foto: Lovis Dengler Ostenrik/Rundfunkc

Dass in Lateinamerika etwas anders Weihnachten gefeiert wird als in Deutschland, offenbarte sich schon in diesem Intro. Hierzulande geht es in der Weihnachtsmusik gerne in Moll, besinnlich, feierlich und inniglich zu. Dort wird fröhlicher, beschwingter, hörbar extrovertierter gefeiert. Auch aus besinnlichen Chorklängen wird meist irgendwann tanzwütig ausgebrochen. Vor allem in der Weihnachtsmusik des Barock, entstanden in Zeiten, als die Länder nach blutiger Eroberung unter spanischer Krone standen.

Eine durch ihren rhythmischen Drive faszinierende Musik, die unterschiedlichste Stile in sich vereint: die Musik der indigenen Kulturen, die europäische der Konquistadoren und jene der afrikanischen Sklaven, die von den Spaniern dorthin verschleppt worden waren.

Juchzer und „Arrivo!“-Rufe

So begann der Mexikaner Juan García de Zéspedes in „Convidando está la noche“ (Die Nacht lädt zu Gast) mit einem schlichten, homofonen Chor und switchte dann in eine feurige Guaracha. Für die Barockmusik waren acht Mitglieder des Freiburger Barockorchesters mit an Bord geholt worden. Es hätte dieser Musik sicher gutgetan, wenn man neben dem immer wieder bejubelten Perkussionisten Murat Coşkun noch weiteres Schlagwerk engagiert hätte. Die rhythmische Power, die das Orchester beisteuerte, hielt sich so in Grenzen. Auch in den Instrumentaleinlagen: Tänze aus dem Kodex Martinez Compañón.

Derweil ertönten aus dem Vokalensemble ab und zu Juchzer und „Arrivo!“-Rufe. Man ging emotional soweit aus sich heraus, wie es für den ansonsten gepflegten Rundfunkensemble-Ernst eben möglich ist. Die Kraft der Musik brach sich natürlich auch so Bahn.

Auch in den besinnlicheren Stücken: Etwa im Marienhymnus „Hanacpachap cussicuinin“ (Freude des Himmels) in der Sprache der Quechua, der 1631 erstmals publiziert wurde und als erstes polyfones Werk Lateinamerikas gilt. Geheimnisvoll!