In Brüssel wird die Laufzeit von zwei Reaktoren bis 2035 verlängert. Die Politik will weitere Meiler am Netz lassen, doch der Betreiber winkt ab.
Mathieu Bihet träumt von der Renaissance der Atomenergie in Belgien. Doch der Energieminister wird von der Realität eingeholt, denn die Betreiberfirma Engie bereitet den Rückbau mehrerer Meiler vor. Der erboste Politiker wirft dem Unternehmen nun ein „unkoordiniertes Vorgehen“ vor, das gegen das „allgemeine Interesse aller Bürger“ sei. Dann versteigt sich Mathieu Bihet gegenüber der belgischen Tageszeitung „Le soir“ in der Behauptung, es gebe keine rechtlichen Hindernisse, zumindest den Reaktor Tihange 1 „in einem einwandfreiem Betriebszustand und in absoluter Sicherheit zu halten“.
Engie lässt Atomkraftwerke abreißen
Das sehen die Betreiber allerdings anders und haben bei der zuständigen Gemeindeverwaltung in Huy einen Antrag für den Abriss der Kühltürme und Hochspannungswerke von Tihange 1 und Tihange 2 eingereicht. „Wir müssen Platz für die Demontagearbeiten schaffen“, bestätigte Olivier Desclée, Sprecher von Engie Belgien. Mathieu Bihet hatte ein Auge auf Tihange 1 geworfen, weil die Laufzeit dieses Meilers schon einmal verlängert worden war. Trotz seines Alters von 50 Jahren, schien er in den Augen des Ministers deshalb ein guter Kandidat für eine erneute Betriebsfreigabe. Die Abrissarbeiten würden die Abschaltung jedoch unumkehrbar machen.
Das Thema Atomenergie wird in Belgien heiß diskutiert. Fast 40 Prozent des täglichen Strombedarfs wird von den AKW an den beiden Standorten Doel und Tihange bereitgestellt. Das Problem: die Reaktoren sind alt und häufig wird über Pannen berichtet. Aus diesem Grund wurde in Brüssel schon früh am Ausstieg aus der Kernenergie gearbeitet, der dann aber immer wieder hinausgezögert wurde.
Der Ausstieg vom Atomausstieg in Belgien
Der Krieg in der Ukraine führte dann zum Ausstieg aus dem Atomausstieg. Eigentlich sollte 2025 der letzte Reaktor vom Netz gehen, doch nach dem Überfall Russlands floss kein billiges Gas mehr in Richtung Westen. Angesichts der drohenden Energiekrise entschied sich die Regierung Anfang 2023, die Laufzeit der beiden Meiler Tihange 3 und Doel 4 bis ins Jahr 2035 zu verlängern. Das war allerdings erst nach zähen Verhandlungen mit dem Energieversorger Engie möglich geworden. Denn der hatte betont, dass der Weiterbetrieb technisch schwierig und teuer sei.
Bis heute ist nicht bis ins Detail geklärt, wie die Laufzeitverlängerung vonstattengehen wird. Fest steht lediglich, dass an den Meilern in Zukunft je zur Hälfte der belgische Staat und Engie beteiligt sein werden. Unklar ist auch, wie der radioaktive Abfall entsorgt wird und wie hoch die Kosten dafür sein werden. Allerdings hat die Regierung versprochen, diese Summen zu deckeln. Im Klartext heißt das, dass der Staat das finanzielle Risiko voll übernimmt. Erst nach dieser Zusage konnte offensichtlich auch Engie dem Deal zustimmen.
Die Atommeiler werden technisch überholt
Der Zeitplan sieht vor, dass Tihange 3 und Doel 4 zuerst einmal vom Netz genommen, für den Weiterbetrieb bis 2035 baulich fit gemacht und mit Brennstoff befüllt werden. Im November 2025 sollen sie dann wieder Strom liefern. Allerdings werden beide Meiler in den Sommern 2026, 2027 und 2028 erneut für umfangreiche Arbeiten längere Zeit abgeschaltet.
Beim Betreiber Engie scheinen die Verantwortlichen zunehmenden genervt angesichts der aus der Politik ständig formulierten Forderungen einer Verlängerung der Laufzeiten. So betonte Vincent Verbeke, Chef von Engie Belgium, in der Vergangenheit immer wieder, dass Atomkraft „nicht mehr zu den strategischen Prioritäten“ seines Unternehmens gehöre. Man habe genug damit zu tun, die Reaktoren Doel 4 und Tihange 3 technisch so fit zu machen, dass sie bis 2035 weiter betrieben werden können. Ansonsten werde Engie alle anderen Reaktoren an den belgischen Standorten definitiv vom Netz nehmen, da es technisch kaum machbar und wirtschaftlich nicht sinnvoll wäre, sie zu modernisieren.
Holpriger Start in die Zukunft
Doch der Start in die neue Zukunft der alten Atommeiler gestaltet sich holprig. Ausgerechnet beim Reaktor Doel 4 waren vor einigen Wochen erneut Probleme aufgetreten. Es wurden Schäden an der Betonkuppel der äußeren Sicherheitshülle entdeckt, worauf der Meiler vom Netz genommen wurde. Dann hieß es von der Föderalen Agentur für Nuklearsicherheit (AFCN), die Schäden seinen lokal begrenzt auf eine Ecke der Kuppel, wo eine wahrscheinlich 50 Jahre alte Fuge einen Defekt aufweise.