Beate M. Weingardt zeichnete ein menschliches Bild vom gebürtigen Ebinger Kurt Georg Kiesinger. Foto: Karina Eyrich

Gekracht hat es erst nach dem Vortrag zwischen Referentin Beate M. Weingardt und einem jungen Zuhörer. War Kurt Georg Kiesinger tatsächlich ein eingefleischter Nazi?

Ihr Versprechen, „ein lebendiges, differenziertes Bild dieses Mannes zwischen Rhetorik, Verantwortung und Zeitgeschichte“ zu zeichnen, hat die Theologin und Psychologin Beate M. Weingardt mit ihrem Vortrag „Häuptling Silberzunge – Kurt Georg Kiesinger 1904 bis 1988“ gehalten.

 

Für die Tübingerin ist der gebürtige Ebinger, von 1958 bis 1966 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und von 1966 bis 1969 der erste Bundeskanzler einer Großen Koalition, nicht der erste Ebinger, mit dem sie sich beschäftigt hat, wie sie im KulTurm auf Einladung des CDU-Stadtverbands verraten hat. Auch der Jurist Wilhelm Dodel, der mit „unglaublich originellen Urteilen Geschichte geschrieben“ habe, war schon Gegenstand eines Vortrags von Beate Weingardt.

„Er wollte Gegensätze überbrücken“

Kiesinger charakterisierte sie nach dem Studium zahlreicher Quellen, darunter Philipp Gasserts 1000-Seiten-Biografie, als „evangelischen Katholiken“, der Gegensätze überbrücken wollte, schreiben und erzählen konnte, Dichter werden wollte und der ein traditionelles Frauenbild, aber selbst keine Affären gehabt habe.

Ein junger Zuhörer war nicht einverstanden mit dem Blick der Referentin auf Kiesinger. Foto: Karina Eyrich

Dass Kiesinger schon im März 1933, zwei Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, in die NSDAP eintrat, kommentierte Weingardt damit, dass er gehofft habe, Hitler werde „die Not in Deutschland beenden und es von der Demütigung des Versailler Vertrages befreien“. Später habe er gehofft, in der Partei mäßigend wirken zu können – „überzeugt von der Kraft des christlichen Glaubens“.

Bei Äußerungen über das Regime nicht sehr vorsichtig

Dass er nach einem „glänzenden juristischen zweiten Staatsexamen“ auf ein „attraktives Richteramt“ und eine Aufgabe in der Wirtschaft verzichtet und stattdessen eine Rechtsanwaltskanzlei eröffnet habe, passt für Weingardt ins Bild eines Mannes, der nicht die Nazi-Ideologie teilte. Seine Studenten im juristischen Repetitorium, das er leitete, hätten ihn gar gebeten, vorsichtiger zu sein mit seinen Äußerungen gegen das Regime.

Der Großteil der Zuhörer schloss sich der Kritik des jungen Zuhörers nicht an. Foto: Karina Eyrich

Bei seiner späteren Aufgabe, beim Rundfunk des Auswärtigen Amtes im Ausland Judenhass zu schüren, habe er nichts bewirkt und die Propaganda eher behindert, wofür er denunziert worden sei. Seine Studenten hätten ihn nach dem Krieg verteidigt und seine Liberalität betont: Kein Hitler-Anhänger sei er gewesen, sondern katholisch-konservativ.

„Kolossaler Hochmut und außerordentliche Geschichtsvergessenheit“

Der „kolossale Hochmut“ und die „außerordentliche Geschichtsvergessenheit“ von Menschen, die „sich nicht die Mühe gemacht haben, ordentlich zu recherchieren“, ärgert Beate Weingardt, wie sie nach ihrem kurzweiligen Vortrag betonte. „Wie viele von denen, die heute den Mund aufreißen, hätten damals Widerstand geleistet, da jede kritische Bemerkung ein Todesurteil zur Folge haben konnte?“

https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.im-portraet-beate-klarsfelds-kampf-gegen-das-vergessen.c75e248d-2a82-49b4-8a44-c6d58986501e.html

Einem jungen Zuhörer war ihr Vortrag gleichwohl zu „anekdotisch“ und zu sehr mit der Meinung der Referentin gefüllt, was Weingardt nicht auf sich sitzen ließ: „Ich habe nicht so getan, als hätte er eine völlig weiße Weste, aber war er getan hat, reicht nicht aus, ihm die Nazi-Keule um die Ohren zu hauen“. Dass Albstadt den Mut gehabt habe, einen Platz nach Kurt Georg Kiesinger zu benennen, goutierte die Referentin. Er habe sich bemüht, aus der Geschichte zu lernen, und seine Bundesregierung habe „mehr als 400 wichtige Gesetze und Reformen auf den Weg gebracht“. Dennoch habe bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde in Tübingen einer gerufen „Heil Hitler!“ – es war Remstalrebell Helmut Palmer.