Konflikte sind im Gefängnis an der Tagesordnung. Vollzugsmitarbeiter dürfen nicht zu dünnhäutig sein, stoßen mitunter an ihre Grenzen. Trotzdem kann ihre Arbeit gelingen.
Eine nicht alltägliche Auseinandersetzung hatte sich in der JVA Rottenburg im Februar ereignet: Ein 26-jähriger Häftling griff einen Aufseher nach dem Hofgang körperlich an. Der Vollzugsmitarbeiter soll den Häftling “Fisch“ genannt haben. Matthias Weckerle leitet die Justizvollzugsanstalt Rottenburg seit rund 18 Jahren. Er spricht mit unserer Redaktion über das Leben und Arbeiten im Gefängnis, was im Umgang mit den Häftlingen zählt und wie versucht wird, Konflikte zu vermeiden.
Kommen körperliche Angriffe auf Vollzugsmitarbeiter immer wieder vor oder ist so etwas eine Eskalation, die eher die Ausnahme ist?
Körperliche Übergriffe auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind glücklicherweise nicht an der Tagesordnung. Allerdings gehört der Umgang mit aggressivem Klientel zum Berufsbild. Da müssen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchaus einige Belastungen aushalten. Verbale Aggressivität ist leider häufig. Da sollte man nicht zu dünnhäutig sein und man sollte diese Dinge auch nicht „persönlich nehmen“ oder zu sehr auf sich beziehen. In vielen Fällen stecken Menschen dahinter, die in innerer Not oder krank sind – in anderen Fällen aber auch Menschen, die Grenzen austesten wollen und Autorität und Regeln nicht akzeptieren können oder wollen. Die Kommunikation in solchen Situationen ist oft sehr herausfordernd und kann uns auch immer wieder an Grenzen bringen.
Wie erreichen Sie in der JVA ein friedliches Miteinander sowohl zwischen JVA-Mitarbeitern und Häftlingen wie auch zwischen den Häftlingen untereinander?
In einer Justizvollzugsanstalt müssen viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten, ganz unterschiedlichen Problemen, unterschiedlichen sprachlichen, religiösen oder kulturellen Hintergründen auf oft sehr engem Raum zusammenleben – und zwar unfreiwillig. Alle Inhaftierten verbindet, dass Sie straffällig geworden sind – also gegen grundlegende Regeln des sozialen Zusammenlebens verstoßen haben. Diese Menschen bringen ihre Geschichte, ihre Probleme – auch ihre Defizite zu uns mit. Vielen gelingt es dann – ich würde sagen natürlich – nicht, sich im Gefängnis an die Regeln zu halten, an die sie sich „draußen“ auch schon nicht halten konnten. Viele Gefangene sind hier, weil sie Gewaltstraftaten begangen haben, viele leiden unter psychischen Erkrankungen, der Anteil suchtkranker Gefangener ist sehr hoch. Dass es in einem solchen Umfeld absolut friedlich, gewaltfrei, konfliktfrei zugehen kann, halte ich für leider fast ausgeschlossen. Dass es zu Konflikten zwischen Gefangenen kommt, ist häufig.
Wie versuchen Sie, Konflikten zwischen Gefangenen vorzubeugen?
Unser Job ist es da natürlich, diese Konflikte möglichst zu verhindern; dazu können wir Gefangene voneinander trennen oder dafür sorgen, dass sie sich – wenn dies möglich ist – „die Hand geben“; in vielen Fällen müssen wir Gefangene, die schutzbedürftig sind oder innerhalb des Gefängnisses zu Opfern werden, in geschützten Bereichen unterbringen. In anderen Fällen müssen Gefangene, die in Haft zu Tätern werden, von anderen Gefangenen durch Sicherungsmaßnahmen abgesondert werden. Oft erfahren wir aber leider auch nicht, wenn Gefangene in Konflikten zu Opfern werden, weil sie sich uns nicht anvertrauen können oder wollen. Um solche Gefährdungen erkennen zu können, versuchen wir, mit den Gefangenen möglichst gut im Gespräch zu sein – das ist der Auftrag für alle Bediensteten im Justizvollzug: Für die Bediensteten im uniformierten Dienst (dem Vollzugsdienst), die in den Unterbringungsbereichen (den Abteilungen oder „Stockwerken“) erste Ansprechpartner der Gefangenen sind und auch für die Sicherheit in diesen Bereichen zuständig sind, für die Bediensteten des Werkdienstes, die die Gefangenen jeden Tag in den Arbeitsbetrieben anleiten, motivieren und beaufsichtigen, aber auch die Fachdienste (Psychologen, Seelsorger, Sozialdienst, Lehrer, Medizinischer Dienst). In diesen Gesprächskontakten versuchen wir, auf die Menschen und ihre Probleme einzugehen, Verständnis und Empathie zu haben, aber auch klare Grenzen zu setzen und konsequent zu sein.
Was sind die wichtigsten Anliegen von Häftlingen für ihr Leben im Gefängnis?
Die Menschen sind sehr unterschiedlich und deshalb sind es auch ihre Anliegen: Für viele Gefangene ist sicher das zentrale Anliegen, möglichst schnell wieder entlassen zu werden! Für viele ist es sicher auch wichtig, sich mit der Haftsituation einigermaßen arrangieren zu können – dazu gehört sicher, dass die Haftbedingungen in Ordnung sind, dass sie arbeiten und Geld verdienen können, um sich in Haft Dinge kaufen zu können oder vielleicht sogar Geld an Angehörige abgeben zu können. Vielen ist es wichtig, den Kontakt zu ihren Familien und Freunden halten zu können. Vielen ist es wichtig, in Haft gute Ansprechpartner zu haben, denen sie vertrauen können. Vielen suchtkranken Gefangenen ist es wichtig, auch in Haft legal (zum Beispiel durch Substitution) und oft leider auch illegal an ihre Suchtmittel zu kommen. Anderen ist es sicher wichtig, konfliktfrei und ohne Opfer und (wieder) zum Täter zu werden, durch die Haft zu kommen. Leider ist es auch vielen (leider gerade jungen) Gefangenen wichtig, ihren von Straffälligkeit geprägten Lebensstil auch in Haft fortzusetzen, weil die Zugehörigkeit zu subkulturellen Gruppierungen (innerhalb und außerhalb) und der Rang dort einen hohen Stellenwert hat.
Wie ist derzeit die Personalsituation in der JVA Rottenburg?
Geeignete und motivierte Bewerber haben bei uns in allen Berufen, für die wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen (wie oben: Vollzugsdienst, Werkdienst, Fachdienste, Mitarbeiter mit medizinischem Hintergrund) gute Einstellungschancen. Wer bei uns arbeiten will, muss bereit sein, Belastungen auszuhalten – dazu gehört vor allem der Umgang mit oft herausforderndem Klientel und für die Bediensteten des Vollzugsdienstes vor allem auch der Schicht- und Wechseldienst. Allerdings haben wir in den vergangenen Jahren viele junge Kolleginnen und Kollegen einstellen und ausbilden können – deshalb sind wir nicht schlecht aufgestellt. Dennoch ist die Personalausstattung im Justizvollzug in Baden-Württemberg insgesamt im Vergleich immer noch ungünstig. Für mehr Sicherheit und bessere Betreuungs- und Behandlungsqualität wären auch im Justizvollzug, wie eben leider in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen von den Kindergärten bis zu den Kliniken, deutlich mehr Personalstellen erforderlich. Bei uns befinden sich auch deshalb aktuell besonders viele junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ausbildung, weil aktuell in Rottweil eine neue Justizvollzugsanstalt gebaut wird. Für diese Anstalt wird und wurde zusätzliches Personal eingestellt. Ein erheblicher Anteil davon wird bei uns in Rottenburg ausgebildet und für die Aufgaben in Rottweil vorbereitet. Der Personalbedarf auch für diese neue Anstalt ist immer noch hoch, insbesondere im Vollzugsdienst, im Werkdienst und im Krankenpflegedienst.
Für wen ist die Arbeit im Vollzugsdienst der richtige Beruf?
Wer im Justizvollzug arbeiten will, muss Freude daran haben, in einem Team zu arbeiten – das ist ganz zentral. Bei uns arbeiten alle Bediensteten aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen und Abteilungen jeden Tag (wirklich jeden Tag) eng zusammen, damit der „Laden läuft“; man muss sich abstimmen, untereinander informieren – kann sich aber auch austauschen, wenn Situationen schwierig, belastend, anstrengend sind oder waren. Man muss sich für Menschen interessieren und bereit sein, Menschen immer wieder eine zweite Chance zu geben. Aber man muss auch bereit sein, Grenzen zu setzen. Man muss „nein“ sagen können. Man sollte offen und vorurteilsfrei sein – aber auch über eine gesunde Vorsicht verfügen und in der Lage sein, manipulatives Verhalten zu erkennen. Man sollte aber auch nicht erwarten, dass es immer nur spannend und „abenteuerlich“ ist im Gefängnis. Und man sollte mit Frustrationen umgehen und sich selbst im Team auch zurücknehmen können.
Was finden Sie persönlich als Leiter der Vollzugsanstalt an Ihrer Aufgabe erfüllend – und was ist eher anstrengend?
Für mich ist es auch nach 18 Jahren als Leiter einer Justizvollzugsanstalt ein außergewöhnliches Arbeitsumfeld, das sich vor allem durch die Zusammenarbeit mit anderen Menschen auszeichnet. Diese vielen unterschiedlichen Menschen haben viele Besonderheiten, Stärken und Schwächen. Das ist interessant, vielleicht sogar erfüllend, aber manchmal auch anstrengend!
Welches Erlebnis, das Sie im Laufe Ihrer Arbeit in der JVA Rottenburg hatten, kann Ihnen außerhalb der Gefängnismauern kaum jemand glauben?
Zur Überschrift „kann kaum jemand glauben“ finde ich so auf die Schnelle keine passende Geschichte. Der Alltag im Gefängnis hat viele, vielleicht auch kleine und unspektakuläre Eigenheiten, an die man vielleicht nicht sofort denken würde. Oft wird man gefragt, ob es nicht komisch ist, immer so viele Türen auf- und zuschließen zu müssen – tatsächlich ist das aber ein Punkt, der schnell völlige Selbstverständlichkeit wird.
Welche Verbesserungen würden Sie sich für Vollzugsanstalten in Deutschland im Allgemeinen und für die JVA Rottenburg speziell wünschen?
Die Justizvollzugsanstalt Rottenburg ist ein altes Gefängnis mit vielen alten Gebäuden. Diese sehr unterschiedlichen Gebäude technisch und für angemessene Arbeits- und Unterbringungsbedingungen auf einen modernen Stand zu bringen, ist eine große Herausforderung. In den vergangenen Jahren konnten wir schon neue Werkhallen für unsere Arbeitsbetriebe beziehen, der letzte Bauabschnitt wird 2027 abgeschlossen sein. Für die Jahre danach wird die vollständige Sanierung der drei großen Unterbringungsgebäude und der Bau einer Sporthalle auf dem Programm stehen – beides steht seit langer Zeit auf der Agenda – da würde ich mir wünschen, dass wir ein bisschen schneller vorankommen könnten. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würde ich mir noch etwas mehr Anerkennung in der öffentlichen Wahrnehmung für die herausfordernde Arbeit wünschen. Bei der Betreuung und Behandlung der Gefangenen ist es so, dass das Klientel sehr heterogen ist und wir dadurch nicht immer jedem in seinem individuellen Bedarf optimal gerecht werden können. Und wir haben immer noch zu wenig Haftplätze, das ist im ganzen Land so – wir sind immer bis auf den letzten Platz belegt, was es zum Beispiel oft auch schwierig macht, Gefangene nach Konflikten voneinander zu trennen.