Die Taktik des Westens, die Militärs im Sudan einzubinden, hat nur deren Egos aufgeblasen, meint unser Afrika-Korrespondent Johannes Dieterich.
Alle Anstrengungen des UN-Beauftragten Volker Perthes im Sudan waren vergeblich: Statt dass am Zusammenfluss des Blauen und Weißen Nils die Geburt eines demokratischen Staats gefeiert werden kann, steht das Land am Abgrund. Auch die jüngsten Versuche des Diplomaten, die beiden tödlich zerstrittenen Generäle Abdel Fattah al-Bhuran und Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemeti) zu einem Waffenstillstand zu bewegen, blieben erfolglos. Dabei steht der ehemalige Direktor der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik weiter in engem Kontakt mit den beiden Kriegsfürsten. Er könne sie jederzeit anrufen, versichert er aus seinem Bunker in Khartum.
Genau das aber ist das Problem. Wie seine Kollegen in den westlichen Botschaften kümmerte sich der UN-Mann in jüngster Zeit vor allem um die Militärs. Nur wenn diese einer Vereinbarung mit der zivilen Opposition zustimmen, so das pragmatische Kalkül, könne die erstarrte Lage wieder in Bewegung gebracht werden. Dabei hatte die sudanesische Opposition die westlichen Diplomaten schon seit Jahren gewarnt. Die Gesandten sollten endlich aufhören, ausgerechnet jene zu bezirzen, die aus ihrer Abneigung gegen demokratische Regeln kein Geheimnis machten. Zuletzt hatten das al-Burhan und Hemeti in trauter Eintracht mit ihrem Putsch im Oktober 2021 demonstriert, als sie den zivilen Premierminister Abdalla Hamdok kurzerhand wieder aus dem Amt entfernten. Schon damals schwor der harte Kern der sudanesischen Opposition – die Mitglieder jener Straßenkomitees, die 2019 den berüchtigten Militärdiktator Omar al-Baschir um seine Macht gebracht hatten –, künftig mit den Generälen keine Gespräche mehr zu führen. Nach deren jahrzehntelanger diktatorischer Herrschaft, ihrer schamlosen Plünderung des Landes, mehreren Bürgerkriegen, dem Völkermord in Darfur und den Massakern unter friedlichen Demonstranten war auch das letzte Vertrauen in die Militärs aufgebraucht – ob es sich um den Generalstab oder um die Führung der Milizen handelte.
Diesem Diktum hätte auch die westliche Diplomatie folgen müssen. Sie hätte die Putschistenführer mit allen nur erdenklichen Sanktionen belegen und politisch links liegen lassen müssen. Denn mit derartig notorischen Verbrechern verhandelt man nicht, für sie hält man höchstens Zellen im Haager Strafgerichtshof bereit.
Passiert ist das genaue Gegenteil. Westliche Diplomaten flehten die Generäle um eine Wiederaufnahme der Gespräche an, Sanktionen gegen sie wurden keine erlassen. Wenn jetzt, nach dem Ausbruch der Gefechte, auch im Westen die Forderung nach Sanktionen erhoben wird, muss das in sudanesischen Ohren wie Hohn klingen – als ob damit jetzt noch etwas auszurichten wäre.
An vorderster Front des diplomatischen Korps, das die Generäle zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch zu überreden suchte, stand Volker Perthes: Was er erreichte, war in erster Linie die Spaltung der Opposition. Während der harte Kern der Straßenkomitees beim Militärboykott blieb, ließen sich opportunistischere Gruppen zu einer Teilnahme an Gesprächen überreden. Der Schmusekurs der westlichen Diplomatie trug noch in anderer Weise zur Khartumer Katastrophe bei: Indem er das Ego eines farblosen Berufssoldaten und eines ehrgeizigen Kamelhändlers aufblies, die sich plötzlich im Zentrum des Weltgeschehens und als künftige Staatschefs ihres Landes wähnen konnten. Jetzt tragen die beiden ihren Größenwahn auf den Gräbern ihres Volkes aus. Für Volker Perthes, den deutschen Diplomaten, ist das eine herbe Niederlage, für das sudanesische Volk eine Katastrophe.