Der Rottweiler Peter Seemann (im Vordergrund) war leidenschaftlicher Waffensammler und Gründer der Historischen Bürgerwehr. Ein Jahr vor seinem Tod hat er seine Sammlung der Stadt geschenkt. (Archivfoto) Foto: Bürgerwehr

Für Seemanns Sammlung Käufer gefunden. Stadt: Rückabwicklungsvertrag "sensibel". 

Was für ein Gerangel: Peter Seemann hat seine Sammlung mit 1650 teils historischen Waffen der Stadt Rottweil geschenkt – doch die wollte sie nicht. Jetzt hat der Erbe einen zahlungskräftigen Käufer in Österreich gefunden. Was dort mit den Waffen passiert und warum die Rückgabe der Schenkung durch die Stadt immer noch nicht abgewickelt ist, lesen Sie in unserem ausführlichen (SB+)Artikel.

 

Rottweil - Es gibt nur einen Haken an der Sache: Die Stadt hat die Rückgabe der Schenkung, die im Juli beschlossen wurde, immer noch nicht abgeschlossen. Der notwendige Vertrag wurde dem Erben des 2016 verstorbenen Peter Seemann, seinem Bruder Walter, bis heute nicht vorgelegt. Ohne den kann er den eingefädelten Verkauf nach Österreich nicht abwickeln, erklärt er im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Warum die Stadt so lange braucht, kann er sich nicht erklären. Im Prinzip sei das "eine einfache Sache", allerdings darf nur rund die Hälfte der 1650 Waffen erlaubnisfrei besessen werden. Die andere Hälfte darf nicht so ohne weiteres an jemanden übergeben werden, deshalb musste Seemann einen Käufer nachweisen, der über die erforderlichen Lizenzen verfügt. Und den, sagt, Seemann, hat er.

Ruf: Dokumente fehlen

Während er betont, dass alle erforderlichen Papiere längst bei der Stadt seien, schildert Bürgermeister Christian Ruf auf unsere Anfrage hin die Lage allerdings anders: Er sagt, dass eine Anwaltskanzlei mit der Ausarbeitung des Vertrags beauftragt worden sei. Zum "Stand kurz vor Weihnachten" hätten jedoch die Dokumente des zukünftigen Eigentümers beziehungsweise der beauftragten Spedition zum waffenrechtlichen Umgang – der äußerst sensibel sei – nicht vollständig vorgelegen. "Insofern war eine Unterzeichnung der Vereinbarung vor Weihnachten nicht mehr möglich", so Ruf.

"Seltsame" Begründung

Der Erbe spricht hingegegen von "Verzögerung" seitens der Stadt. "Eigentlich hätte alles bis spätestens Dezember über die Bühne gehen sollen", ärgert er sich. Ein weiteres Ärgernis für ihn – nach der Ernüchterung darüber, dass die Stadt und der Gemeinderat die Schenkung seines Bruders abgelehnt haben. "Das ist wirklich schade – die Sammlung hätte der Stadt geholfen", ist er sich sicher. Zu sagen, die Sammlung hätte nichts mit Rottweil zu tun, sei eine "seltsame Begründung" gewesen. Er vermutet, dass mehr dahintersteckt. Unter anderem die Pläne rund um ein neues Stadtmuseum.

Die Nachricht, dass die Stadt die Waffensammlung gar nicht will, hätte dazu geführt, dass sich sehr viele Interessenten bei ihm gemeldet hätten, berichtet der Bruder. "Das war enorm, dabei hatte ich das gar nirgends ausgeschrieben." Natürlich seien nicht alle Anfragen für ihn in Betracht gekommen – es gab unter anderem einen Interessenten aus dem Balkan, der den Ankauf unter der Hand abwickeln wollte. Den habe er natürlich gleich abgewimmelt. Aber durchaus ernsthafte und lukrative Angebote seien dabei gewesen.

Zudem habe er mit zwei Auktionshäusern Kontakt aufgenommen und ihnen die 2000-seitige Auflistung der Exponate digital geschickt. Bei den Auktionshäusern habe man sich über die "technische" Herangehensweise bei der Bewertung der historischen Exponate durch die Stadt gewundert, berichtet Walter Seemann. "Das ist, als würde man ein Bild von Picasso nur anhand der Seitenmaße und des Leinwandzustands beschreiben", so der Erbe.

Hohen Wert ermittelt

Letztlich hätten die Auktionshäuser einen möglichen Versteigerungswert von 500.000 bis 800.000 Euro ermittelt. Nach einem Gespräch mit dem Steuerberater habe er jedoch von diesem Weg abgesehen. Zum einen müsse er 30 Prozent Erbschaftssteuer zahlen, zum anderen gelte er angesichts dieser vielen Einzelverkäufe dann auch als gewerbesteuerpflichtig. Und dann ist da ja auch noch sein Ansinnen, die Sammlung weitgehend beieinander zu halten.

Industrieller baut Museum

Er sei sich schließlich mit einem Käufer aus Österreich zu einem attraktiven Preis einig geworden. Der Industrielle sammle selbst Waffen und sei auch in dieser Branche tätig. "Er hat alle erforderlichen Lizenzen für die ganze Welt", sagt der Erbe. Der Käufer plane, einen Teil der Seemannschen Exponate weiterzuverkaufen und den anderen Teil gemeinsam mit seiner eigenen Sammlung in einem neuen Museum zu präsentieren. "Das soll ein Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen werden", sagt Seemann, der sich nach wie vor wundert, warum man dies in Rottweil nicht wollte.

Zur Erinnerung: Im Juli hatte der Gemeinderat die Einschätzung der Stadtverwaltung bestätigt: Die 2015 von Peter Seemann getätigte Schenkung an die Stadt soll zurückgegeben werden. Mit der Schenkung war die Bedingung verbunden, dass die Waffen innerhalb einer Frist – die nach einer Verlängerung noch bis September 2021 gelaufen wäre – öffentlich ausgestellt werden müssen.

Eine neue Attraktion für Rottweil sah man darin nicht. "Bei Licht betrachtet geht der Bezug der Sammlung zu Rottweil gegen Null", hatte Oberbürgermeister Ralf Broß im Juli das Ergebnis der aufwendigen Prüfung, Inventarisierung und waffenrechtlichen Einordnung der Exponate zusammengefasst. Angesichts hoher Folgekosten für Präsentation, Personal und Sicherheitsvorkehrungen sei die Sammlung für die künftige Neuausrichtung des Stadtmuseums eher hinderlich. Und die Stadträte hatten sich geradezu erleichtert darüber gezeigt, dem "geschenkten Gaul" noch mal genau ins Maul geschaut zu haben.

Zu dieser Entscheidung hatte es einige Unruhe gegeben – nicht zuletzt aus den Reihen der Historischen Bürgerwehr, deren Gründung Peter Seemann 1975 initiiert hatte und deren Vorsitzender er bis zu seinem Tod war.

Andere Städte danken

Sein langjähriger Wegbegleiter Peter Peiker schrieb unserer Zeitung jüngst, dass die Ausstellung der Sammlung durch Einbeziehung des Herderschen Hauses neben dem Stadtmuseum problemlos möglich gewesen wäre. Schenkungen derartiger Sammlungen seien in anderen Städten "hochwillkommen". Walter Seemann hätte sich eine Präsentation jeweils eines Teils der Sammlung auch in der dritten Abteilung des Dominikanermuseums vorstellen können.

Kniffliger Export

Umso mehr wundert sich der Erbe darüber, dass sich die Stadt jetzt bezüglich der Rückabwicklung "dreht und windet", wie er es bezeichnet. Die Begründung ihm gegenüber, dass für den Export der 850 erlaubnispflichtigen Waffen nach Österreich jeweils extra Formulare erstellt werden müssten und es deshalb länger dauert, hält er für falsch. Es gebe üblicherweise eine Gesamt-Auflistung für den Export. Der Käufer kümmere sich um alles, eine Spedition mit Erfahrung sei schon benannt.

Nicht zuletzt aus steuerlichen Gründen hätte die Seemannsche Waffensammlung aus Rottweil eigentlich bereits im Dezember die Reise nach Österreich antreten sollen. Der Erbe hofft nun, dass der Käufer nicht langsam die Geduld verliert. "Ich möchte die Sache jetzt endlich zu Ende bringen", so der 75-Jährige. Laut Bürgermeister Ruf soll es an der Stadt Rottweil nicht scheitern. Man sei daran interessiert, dass die Unterzeichnung der Vereinbarung "möglichst rasch erfolgt, so dass Herr Seemann die Sammlung in guten Händen weiß".