Dass Vornamen explosive Kraft zeitigen können, belegte das Stück „Der Vorname“ im Kurtheater, das eine starke emotionaler Beteiligung des Publikums hervorrief. Foto: Gerhard Keck

Mit der turbulenten Komödie „Der Vorname“ riss das Ensemble der Landesbühne Rheinland-Pfalz sein Publikum im Kurtheater zu Beifallsstürmen hin.

Die Vorlage zu dem Stück, dem man wegen seines galligen Humors nur bedingt die Bezeichnung Komödie zugestehen kann, lieferten die französischen Theater- und Filmexperten Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière mit ihrem Drama „Le Prénom“ aus dem Jahr 2010 und ihrem gleichnamigen Streifen von 2012. Erfolge hierzulande erzielte die Filmadaption von Sönke Wortmann von 2018, zu dem er große Namen der deutschen Schauspielkunst geladen hatte.

 

Die Rheinland-Pfälzische Bühne nahm sich des Stoffs unter der Regie von René Heinersdorff an mit der Freiheit, eigene Akzente zu setzen.

Mit dem Titel „Der Vorname“ geht zunächst eigentlich nichts Spektakuläres einher, aber Handlung und Aussageabsicht lehren Zug um Zug etwas anderes. Was mit einem munteren Vornamenraten im Familienkreis seinen Anfang nimmt, wächst sich zu einem veritablen Krach aus, in dessen Verlauf schon mal die Fetzen fliegen.

Schuld daran ist der misslungene Scherz von Vincent, seinem bald zu erwartenden männlichen Nachwuchs den Namen Adolph beziehungsweise Adolf zu geben. Kein Wunder, dass dieser Missgriff allerlei ungute Erinnerungen und höchst problematische politische Bezüge wachruft.

Ein hoch gereckter Arm?

Peer (Christian Nickel), ein Literaturprofessor, hängt sich in besonderer Weise in die Vorbehalte hinein. Auf dem herumgereichten Foto des Fötus meint er gar, bereits einen hoch gereckten Arm zu erkennen. Vincents (Pascal Breuer) mit seiner Frau Anna (Mia Geese) nicht abgestimmter vermeintlicher Gag ist nach allgemeiner Ansicht ein Tabubruch.

Was mit einem munteren Vornamenraten im Familienkreis seinen Anfang nimmt, wächst sich zu einem veritablen Krach aus. Foto: Keck

Alternativen werden ebenso verworfen, denn auch beispielsweise „Josef“ ist wegen seiner Assoziationen mit den Nachnamen Stalin und Goebbels zu Recht über die Maßen belastet. Einig ist man sich lediglich in der Einschätzung, dass mit Vornamen „Statements abgegeben“ werden.

Aus kleinen Funken wird ein haushoher Brand

Schlag auf Schlag geht es hinein ins volle, vorgeblich harmonische Familienleben. Man kennt das ja: Kleine Funken können sich zu einem haushohen Brand auswachsen. Plötzlich brechen sich jahrzehntelang unter den Teppich gekehrte Vorwürfe und Vorbehalte Bahn: Peer ist schon immer ein Geizkragen gewesen, heißt es. Vincent habe sich von Kindesbeinen an als Egoist hervorgetan, Claus (Sebastian Goder) sei längst ob seiner Frauenabstinenz in Verdacht geraten, schwul zu sein.

Im allgemeinen Aufruhr mag sich auch Peers Frau Elisabeth (Alexandra Kamp) nicht zurückhalten: Sie, eine Gymnasiallehrerin, wirft in die Generalabrechnung ein, dass ihr Mann in all den Jahren ihre Bedürfnisse ignoriert und nur seinen Vorteil im Blick gehabt habe, gipfelnd darin, dass er ihr das Thema ihrer Doktorarbeit „geklaut“ habe.

Verhältnis offengelegt

Zu allem Überfluss gibt Claus geradezu genüsslich bekannt, als Revanche für die ihm unterstellte Homosexualität, dass er als Pflegesohn der Familie mit der leiblichen Mutter von Elisabeth und Vincent seit Langem ein Verhältnis pflegt.

Den Schlusspunkt zu den Wortgefechten setzt schließlich Elisabeth, außer sich vor Wut, mit dem so gar nicht damenhaften Appell: „Leckt mich doch am Arsch!“ Der eingeblendete ABBA-Ohrwurm „Waterloo“ mit seinem historischen Anklang ist so recht geeignet, das Tohuwabohu zu untermalen.

Eine Überraschung steht an

Als Monate später Anna ihr Kind bekommt, steht eine Überraschung an: Es ist ein Mädchen. Mit „Viel Lärm um nichts“ könnte man schlichtweg unter Berufung auf Shakespeare den Zoff um den Vornamen abtun. Aber so einfach sind dann die Konstellationen doch nicht, denn die (Tragi-) Komödie in der Form eines Kammerspiels spült tiefliegende Verletzungen an die Oberfläche.