Die Familie Hase nach dem Stück von Colline Serreau auf der Bühne der Waldorfschule. Foto: Stefanie Wizemann-Strauch

Waldorfschüler spielen die Komödie „Hase Hase“ von Colline Serreau. Es ist komisch, tragisch und echt.​

Der Vorhang zu und alle Fragen offen: So könnte man den turbulenten Theaterabend an der Waldorfschule zusammenfassen, mit dem sich die 12. Klasse unter der Regie von Maria Radetzki präsentierte. Es geht um Chaos, die Gesellschaft und die Suche nach einer neuen Ordnung.​

 

Im Zentrum steht eine Familie am Abgrund. „Wie komm‘ ich nur zu so einem Hallodri!“ Was die resolute Mama Hase (Lucy Vees, Emma Ott-Zetzsche) über ihren Sohn Jeannot (Joel Dietz) seufzend ausstößt, der vorgibt im Europäischen Parlament zu arbeiten, aber in Wahrheit irregulären Migranten hilft und mit Bomben zündelt, das könnte sie über ihren ganzen Wurf sagen. Der Jüngste (Oskar Haak) fliegt dauernd von der Schule, weil er im Unterricht nur Science Fiction liest. Der älteste Bruder Bébert (Luca Rick) spielt in Anzug und Schlips den taffen Medizinstudenten, auf dem Mamas größte Hoffnungen ruhen. In Wirklichkeit ist er aber ein Cyberkrimineller und wird von der Polizei gesucht. Marie (Vilja Ausserhofer), will sich scheiden lassen, während Lucy (Maja Daiker) auf dem Standesamt mit ihrem plötzlichen „Nein!“ einen kleinen Skandal provoziert, sodass ihr Ex (Paul Weidemann) wenig später die enge Hase-Wohnung noch erbost mit ihren Hinterlassenschaften flutet.

Und der melancholische Vater Hase (Michael Fleiner)? Traut sich nicht, seiner Frau zu sagen, dass die erhoffte Lohnerhöhung nicht kommt und er stattdessen längst entlassen ist und die Tage in der U-Bahn vertrödelt. So versammelt sich nicht nur die ganze Sippschaft auf engstem Raum zum Matratzenlager, sondern auch die einsame Nachbarin Frau Duperri (Matilda Biecker) legt sich dazu, um vor der endlosen Flut an nicht bezahlten Strafzetteln ihres Sohnes zu fliehen. Ein Leben im Schatten der Gerichtsvollzieher.

Neue Ordnung ausgerufen

Trotz der prekären Lebensverhältnisse ist der jüngste Hase „sehr froh, gerade in diese Familie geraten zu sein“. Auf einer Nebenbühne tritt er immer wieder ins Scheinwerferlicht, umgeben von sphärischer Musik, und gibt sich als Außerirdischer aus. Mit hellseherischem Blick sieht er „alles, was passiert“ und sagt den Untergang der Welt durch Sintfluten voraus. Aber trotz seines Sonderstatus: Auch er will es Mama recht machen. So sorgt er in einem turbulenten Finale dafür, den von den Behörden als Hacker festgesetzten Bruder Bébert freizubekommen. Inzwischen ist eine neue Ordnung ausgerufen worden und die große Welt wackelt mindestens so heftig wie die kleine Familienidylle – auch wenn ein Nachrichtensprecher mit TV-Apparat auf den Schultern (Bastian Nigis) in wunderbarer Situationskomik die neue Militärregierung verharmlost.

Auf schrill tapezierter Bühne mit karger Möblierung gerät das Familiendrama immer wieder zum Musical, wenn die Hases – aller Verzweiflung zum Trotz – zu treibenden Beats in hinreißenden Choreografien ihre Lebenslust zum Ausdruck bringen und auf Tisch und Boden tanzen, bis der Saal in rhythmisches Klatschen fällt. Besonders berührend sind aber die stilleren Stellen, wenn Mama Hase im roten Trenchcoat ihre großen Monologe hält. So klagt sie vor dem gerührten Publikum über die „graue Gipsschicht“, die ihr „den Körper und das Leben ganz bedeckt hat, sodass mich niemand mehr sieht“.

Für jedes Missgeschick hat sie eine Lösung, aber jetzt muss sie feststellen, dass sie dabei ihre Selbstliebe verloren hat. Zuletzt verkündet sie mit eindringlichen Worten, dass die Herrschaft der Männer gebrochen sei: „Lasst sie nicht mehr walten, bleibt nicht mehr im Gras sitzen mit dem Lächeln des Fisches, baut Häuser, die endlich dem Universum ähneln“.

Verstört und beeindruckt, bestens unterhalten und ein wenig nachdenklich verlässt der Zuschauer den Saal – hingerissen von der Lockerheit und Präsenz der Schüler, die zeigen, was uns heute fehlt: wie man in einer Welt am Abgrund noch tanzen kann.