30 Jahre hat es Martin Karsten verstanden, Menschen zu mobilisieren, sie für eine Sache zu begeistern, sich für andere einzubringen. Nie zu kurz kam dabei die Geselligkeit. Foto: Holzer-Rohrer

Schwerpunktthemen, Meilensteine und persönliche Highlights – Martin Karsten blickt im Gespräch auf 40 Jahre aktive Kommunalpolitik und seine 30-jährige Amtszeit als Bochinger Ortsvorsteher zurück.

Kommunalpolitische Schwerpunktthemen, Meilensteine und persönliche Highlights – Martin Karsten blickt im Gespräch auf 40 Jahre aktive Kommunalpolitik und seine 30-jährige Amtszeit als Bochinger Ortsvorsteher zurück.

 

Welches Fazit ziehen Sie nach 30 Jahren als Bochinger Ortsvorsteher?

Als Nachfolger des beliebten und engagierten Lokalpolitikers Werner Holzer musste ich in große Fußstapfen treten. Nach 30 Jahren kann ich – so wie mein Vorgänger – ein gut bestelltes Feld, einen funktionierenden Stadtteil übergeben. In einer Kommune müssen zwar ständig neue Probleme gelöst werden, doch insgesamt ist Bochingen meiner Meinung nach gut aufgestellt, weist eine zufriedenstellende Infrastruktur auf, ist geprägt von einem guten Miteinander und einer lebenswerten Dorfgemeinschaft.

Wo lagen die kommunalpolitischen Schwerpunktthemen?

Sicherlich bei der konstanten Bereitstellung von Bauplätzen und der damit verbundenen Erschließung mehrerer Wohngebiete, was teilweise sehr viel Überzeugungskraft, Anstrengung und Ausdauer eingefordert hat. Parallel dazu mussten die infrastrukturellen Maßnahmen angepasst werden, was mit der Ausdehnung der Gewerbegebietsflächen geschah. Verwaltung, Gemeinderat und Ortschaftsrat sind gewissenhaft mit den vielen Ansiedlungswünschen umgegangen und haben sich für einen nachhaltigen Mix von Betrieben mit vielen Arbeitsplätzen und Angeboten für die Bevölkerung eingesetzt.

Gib es ein persönliches Highlight ihrer Amtszeit?

Absolut! Und eigentlich sind es zwei: der Erhalt des Kronesaals, die Sanierung des Kronegebäudes und Neugestaltung des gesamten Areals, sowie das Biergartenfest als überregionales Event mit magnetischer Anziehungskraft. Auf beides bin ich tatsächlich sehr stolz, weil die Initiativen nicht aus dem normalen Verwaltungshandeln, sondern aus den eigenen Reihen kamen, die Umsetzung durch das Zusammenwirken von Vereinen, der Bürgerschaft und den unterschiedlichen Verwaltungs-Gremien zum Wohle der Allgemeinheit erfolgte. Mit Weitsicht, Durchhaltevermögen und eigenen Ideen haben wir eine Heimat für Vereine geschaffen, einen wunderschönen Veranstaltungssaal, eine Kleinkunstbühne und einen attraktiven zentralen multifunktionell nutzbaren Platz. Durch dieses Projekt kann die Dorfgemeinschaft ganz anders und viel intensiver gelebt werden als dies zuvor der Fall war. Mit dem Biergarten pflegen wir die Kultur der Blasmusik, bedienen das fröhliche Miteinander unterschiedlicher Menschen, geben den Vereinen die Möglichkeit, Geld zu erwirtschaften, und können als Ortsverwaltung auch wünschenswerte Projekte angehen.

Für die Zukunftsfähigkeit des Stadtteils haben sie unermüdlich und mit ganz viel persönlichem Einsatz die Weichen gestellt. Welche war rückblickend die Wichtigste?

Weil man nur gemeinsam stark ist, nur gemeinsam sich etwas bewegen lässt, scheint mir die gezielte Aktivierung des bürgerschaftlichen Engagements im Zusammenhang mit dem Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ und die damit verbundene Gründung der „Bürger für Bochingen“ von entscheidender Bedeutung zu sein. Denn aus diesen Anfängen ist eine dynamische Entwicklung entstanden, sehr zum Wohle der gesamten Bevölkerung.

Welche Entscheidungen würden sie als Meilensteine für Bochingen einordnen?

In erster Linie die Ansiedlung des Einkaufsmarktes, um welchen wir 20 Jahre gerungen haben. Meine Verärgerung über die unsachlichen Negativdiskussionen hat sich zwischenzeitlich gelegt, denn mit dem Norma-Markt konnte infrastrukturell etwas realisiert werden, was weit und nachhaltig in die Zukunft hineinwirkt und als Nebeneffekt die Ortseinfahrt durch den Kreisverkehr sicherer macht. Heute dürfen sich alle bestätigt fühlen, die mit mir gekämpft, das Ziel konsequent verfolgt und sich verbalen Attacken ausgesetzt haben.

Wo sehen sie Versäumnisse beziehungsweise was hätte man besser managen sollen?

Es liegt in der Natur der Sache, dass man im Nachhinein immer klüger ist, doch der schnelle Abverkauf der Bauplätze im neuen Wohngebiet „Gehrn-Süd“ tut schon sehr weh, zumal es immer mein Bestreben war, jungen Bochinger Familien Bauland anbieten zu können, damit sie im Ort bleiben, das dörfliche Zusammenleben aktiv mitgestalten und so die Zukunft des Stadtteils mitprägen. Unser Bemühen, die Lockerung der Bauplatzvergaberichtlinien rückgängig zu machen, scheiterte am Votum des Gemeinderats. Der aktuelle Kita-Bedarf war so nicht absehbar, stand bei allen Umfragen doch die Familienbetreuung der Unter-Dreijährigen ganz hoch im Kurs. Diese Landschaft hat sich innerhalb ganz kurzer Zeit komplett verändert und eine Situation geschaffen, auf welche wir schnell reagieren mussten.

Wo sehen sie die künftigen Herausforderungen?

Die Bauplatzvergaberichtlinien müssen für die nächsten beiden Bauabschnitte restriktiver gehandelt werden, um Wachstum und Infrastruktur im Gleichgewicht zu halten. Ansonsten sind die Probleme vorprogrammiert, denn die geplante Kindergarten-Erweiterung ist aktuell schon auf Kante genäht und die Grundschule wird in absehbarer Zeit ebenfalls ausgelastet sein. Die Ansiedlungswünsche für das erweiterte Gewerbegebiet müssen Abwägungsprozesse durchlaufen hinsichtlich der Lärm- und Schmutzbelästigung einerseits, der Bereitstellung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen andererseits. Die Sanierungsmaßnahme der Gutenbergschule muss zwingend zum Abschluss gebracht und die Kindergartenerweiterung schnellstmöglich umgesetzt werden.

Was würden sie sich für die Zukunft wünschen

Speziell für Bochingen, dass Anreize geschaffen werden für private Initiativen zur Schließung von innerörtlichen Baulücken, da ungezügelter Landverbrauch dem nachhaltigen Umgang mit der Umwelt widerspricht. Für die kommunalpolitische Zusammenarbeit würde ich mir einen Austausch von Ortschaftsrat und Gemeinderat auf Augenhöhe wünschen. Wir müssen die Individualität der Stadtteile mit ihren unterschiedlichen Strukturen und Bedürfnissen respektieren, den Blick aufeinander und füreinander bewahren, bei allen Entscheidungen die Sache in den Vordergrund stellen und dem gesamtstädtischen Denken Raum geben.

Mit welchen Gefühlen blicken sie auf ihre Amtszeit zurück?

Es ist Zufriedenheit, die mich erfüllt, wenn ich meine Arbeit in und meinen Einsatz für Bochingen bewerte, wenn ich an die vielen Wege denke, die ich mit Unterstützern, Freunden und den unterschiedlichsten Menschen gemeinsam gegangen bin, um Ziele zum Wohle des Stadtteils zu realisieren. Deshalb zählt zu meinen bewegendsten Momenten die Gründung der Bürgerinitiative Kreismülldeponie Bochingen, das starke, gemeinsame Agieren gegen den Landkreis und die erfolgreiche Verhinderung der Ablagerung von nicht getrocknetem Klärschlamm auf der Mülldeponie. Das Zusammenwirken von so vielen Bürgern aus der gesamten Einwohnerschaft wurde zu einem beeindruckenden Beweis, was möglich sein kann, wenn man hinter einer Sache steht und sie aktiv vertritt.