Kommunale Wärmeplanung: Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich eines der großen Zukunftsthemen. Doch wo liegen vor Ort die Potenziale? Wo macht Windkraft Sinn? Wo Geothermie? Wie sieht es mit Solarparks aus? Wo könnten in Nagold weitere Nahwärmenetze entstehen?
Es sind viele Fragen, die rund um die Kommunale Wärmeplanung im Raum stehen. Fragen, die sich nun Fachleute aufmachen zu beantworten. Und so thematisierten Vertreter der Netze BW und der Stadtwerke Tübingen zusammen mit Nagolds Klimaschutzmanager Kevin Mack die Materie unter anderem im Technischen Ausschuss. Die einzelnen Aspekte im Überblick:
Das Potenzial
Am Anfang der kommunalen Wärmeplanung stand die Datenerhebung, dann folgte die Analyse. Nun stehen die Potenziale fest. Was folgt ist ein erster Maßnahmenkatalog. Wenig verwunderlich: Besonders hoch ist das Potenzial durch Effizienzmaßnahmen an Wohngebäuden mit fast 94 000 Megawattstunden. Solarenergie auf Dachflächen könnte weitere 72 000 Megawattstunden einbringen. Riesig sind die noch sehr vagen Schätzungen für das Potenzial von Windkraft (120 000 MWh) und Freiflächenanlagen mit Photovoltaik (250 000 MWh). Auch aus der Abwärme des Abwassers der Kläranlage könnte Energie abfließen (14 300 MWh). Und das Potenzial bei einem Entzug der Wärme aus dem Fluss wird auf gut 8200 MWh berechnet. Für Wasserstoff, Geothermie und Abwärme aus der Industrie fehlen Potenzialschätzungen.
Zur Einordnung: Eine Megawattstunde MWh entspricht 1000 Kilowattstunden kWh. Für Deutschland gilt: zwei Personen verbrauchen durchschnittlich 2000 Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr (im Mehrfamilienhaus) und etwa 3000 kWh in einem Einfamilienhaus (ohne Warmwasser).
Geothermie
Bei der Untersuchung der geothermischen Effizienz in Nagold kommt vor allem der Norden des Gesamtgebiets gut weg. Dabei ist zu beachten, dass es auch Schutzgebiete gibt, auf denen der Bau von Erdwärmekollektoren nicht gestattet ist. Am höchsten ist die Effizienz in den Teilorten Pfrondorf und Emmingen und in Nagold nördlich des Viadukts (der früheren B28) sowie im Bächlen und in großen Teilen des Lembergs. Vor allem in Wasser- und Heilquellenschutzgebieten ist die Nutzung von Geothermie zum Teil nicht gestattet – zum Beispiel nördlich von Nagold bis nach Emmingen oder auch auf Flächen, die das Steinachtal zwischen Gündringen und Schietingen umgeben. Thomas Clauss von den Stadtwerken Tübingen, betonte zudem, dass man keine Angst vorm „Staufen-Effekt“ haben müsse. „Wir reden hier von der ganz flachen Geothermie, also vielleicht bis zu 130, 140 Meter tief.“
Flusswasser
Auch aus Flüssen kann Wärme und somit Energie gewonnen werden. Gut 8200 Megawattstunden könnten in dem Fall der Nagold mit einer Flusswärmepumpe entzogen werden. „Dabei ist genau geregelt, wie viel man rausnehmen darf“, verdeutlichte Clauss. Das Potenzial in Nagold sei „schon eine ganze Menge“. Die Wärme könnte dann auch direkt in den Badepark eingespeist werden.
Abwasser
Potenzial steckt sogar im Nagolder Abwasser. Wenn man am Auslauf der Kläranlage dem Abwasser Wärme entziehen würde, liegt das Potenzial bei 14 000 MWh. „Das geht aber auch nicht endlos“, sagte Clauss, dass auch hier einem Wärmeentzug biologische Grenzen gesetzt seien. „Da darf man nicht zuviel Temperatur entziehen.“
Wind
In einer Karte mit Potenzialflächen für die Windkraft im Kreis Calw gehört Nagold zu den vielen freien weißen Flächen. Will heißen: Es gibt Gebiete mit höherem Potenzial, vor allem im Westen des Landkreises, bei Simmersfeld und auf den Höhen zwischen dem Nagoldtal und dem Enztal. Geeignete Flächen gibt es aber auch hier, vor allem auf den Höhen um Nagold, zwischen Vollmaringen und Gündringen zum Beispiel, zwischen Hochdorf und Schietingen, und auf der Gäu-Höhe Richtung Jettingen.
Freiflächen-Photovoltaik
Neuland im Raum Nagold wären größere Freiflächenanlagen mit Photovoltaik. Das Potenzial ist riesig. Rund um Nagold gibt es auf den Höhen westlich und östlich einige Flächen, die sich prinzipiell gut eignen würden. Konkret sind aktuell zwei Photovoltaik-Freiflächenanlagen in der Diskussion: Entlang der Altheimer Straße auf Hochdorfer Gemarkung mit einem Potenzial von 13 000 kWp und auf der Höhe bei Gündringen am „Dürrenhardter Hof“ mit einem Potenzial von 7000 kWp. Beide Anlagen sollen in der nächsten Gemeinderatssitzung intensiver diskutiert werden. Die Abkürung kWp steht für Kilowatt-Peak und ist die Maßeinheit für die maximale Leistung bei Photovoltaik. Eine 1 kWp-Photovoltaikanlage mit Standort in Deutschland soll im Durchschnitt etwa 1000 kWh jährlich erzeugen können.
Nahwärme
Bei dem Bau und Ausbau von Nahwärmenetzen ist vor allem die öffentliche Hand gefragt. Eignungsgebiete sehen die Planer in der Innenstadt und im Iselshauser Tal. Auf dem Lemberg könnten zum Beispiel die Versorgungsgebiete der Schulen mit dem Krankenhaus und dem Berufsschulzentrum im Bächlen gemeinsam versorgt werden. Auf dem Oberen Steinberg könnte ein Neubaugebiet über die Abwärme aus dem benachbarten Industriegebiet Wolfsberg versorgt werden. Auch für die Innenstadt ist ein Nahwärmenetz denkbar – dort gibt es 22 Gebäude für öffentliche Zwecke, allen voran die Schulen. Untersuchungen gibt es aber auch zu Nahwärmeversorgungen in Vollmaringen und in Schietingen.
Wasserstoff
Das Potenzial für Wasserstoff ist noch nicht berechnet. Doch auch hier gibt es Möglichkeiten. So arbeitet die Netze BW daran, ihre Erdgasnetze künftig für den Wasserstofftransport nutzen zu können. Das bestehende Gasnetz in Nagold bringt dafür bereits die Voraussetzungen mit.