Sigmar Gabriel verzichtet auf die Kanzlerkandidatur. Foto: AFP

Es hat nicht gereicht: Gabriel sieht sich als Kanzlerkandidat chancenlos, kommentiert Wolfgang Molitor.

Stuttgart - Aus diesem Satz sprechen Größe und Tragik zugleich. „Das, was ich bringen konnte, hat nicht gereicht“, sagt Sigmar Gabriel. Und wohl selten hat im Wort des aufgebenden SPD-Vorsitzenden so viel Wahrheit gesteckt, so viel Enttäuschung, so viel Demut.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, was den Ausschlag gegeben hat, dass der 57-Jährige fast überstürzt auf die Kanzlerkandidatur verzichtet. Einsicht, angesichts der stabil desaströsen Umfragewerte sowohl für die Partei wie für ihn selbst? Oder doch ein wachsender und letztlich zermürbender Widerstand quer durch die SPD aus Angst vor einem grandiosen Scheitern? Eine Entscheidung „aus einer Position der Stärke“, wie jetzt aus Parteikreisen geschwiemelt wird, präsentiert man jedenfalls souveräner.

Wieder kein Übergang ohne Blessuren

Wie auch immer: Zum wiederholten Mal gelingt es der SPD nicht, halbwegs geordnet, halbwegs überzeugend einen Kanzlerkandidaten zu präsentieren. Wieder kein Übergang ohne Blessuren, ohne Irritation. Gabriels selbstlos-frustriertem Vorschlag, mit Martin Schulz den aussichtsreicheren Herausforderer als ihn gegen Angela Merkel ins Rennen zu jagen, bleibt der Hauch des Aussichtslosen.

Gabriels dünnhäutiger Verzicht auf den Parteivorsitz ist folgerichtig. Die SPD kennt sich schließlich mit spektakulären Chef-Rücktritten aus. Sein Wechsel vom Wirtschafts- ins Außenministerium dagegen wäre politische Flickschusterei, auch wenn er die schwarz-rote Koalition bis zum Ende vor größeren Turbulenzen bewahren dürfte.

Schulz wird es zu spüren bekommen

Die SPD fängt mit Schulz im Prinzip von vorn an. Gabriels Erbe besteht ­vorwiegend aus Schulden und Luftbuchungen. Schulz wird es zu spüren ­bekommen. Der 61-Jährige dürfte sowohl als Kanzlerkandidat wie als Parteichef Mühe haben, die SPD nach der ersten pflichtschuldigen Begeisterung bis zum 24. September unter Wahlkampfdampf zu halten.

wolfgang.molitor@stuttgarter-nachrichten.de