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Der leicht genervte Beobachter des Verhandlungsmarathons beim VfB Stuttgart fragt sich: Wo, meine Herren, liegt eigentlich das Problem?

Stuttgart - Der leicht genervte Beobachter des Verhandlungsmarathons beim VfB Stuttgart fragt sich: Wo, meine Herren, liegt eigentlich das Problem? Will VfB-Trainer Bruno Labbadia mit dem neuen Vertrag seine Finca auf Mallorca bauen? Sicher nicht. Sein Gehalt reicht schon jetzt für zwei warme Mahlzeiten am Tag. Der VfB bietet noch ein paar Scheinchen mehr – und mit rund 1,5 Millionen Euro per annum ist noch keiner zum Sozialfall geworden. Am Geld kann es also nicht liegen.

Wartet er dann womöglich, ob noch das Angebot eines renommierteren Vereins vorbeischwimmt? Auch das ist kaum anzunehmen: Labbadia macht beim VfB zwar einen guten Job, aber sein Zeugnis glänzt nicht so, dass Real Madrid oder der FC Bayern ins Grübeln kommen müssten. Auch die Top-Adressen der Liga sind inzwischen besetzt. Was noch hinzukommt: In Fredi Bobic hat der VfB-Coach einen loyalen und zuverlässigen Partner. Wo sonst könnte er so uneingeschränkt auf das Vertrauen des Managers bauen?

Das Verhältnis zwischen Labbadia und Mannschaft ist gut wie nie

Bleibt noch das Verhältnis zur Mannschaft, das so gut ist wie bei keiner seiner Bundesliga-Stationen zuvor. Die Hochs und Tiefs der vergangenen zwei Jahre haben den Coach und seine Akteure zusammengeschweißt. Er schätzt Fleiß, Ehrgeiz und Charakter seiner Spieler – die den Trainer zwar nicht alle lieben, aber ausnahmslos respektieren. In der Mannschaft entwickelt sich eine tragfähige Hierarchie mit einer gesunden Mischung aus erfahrenen Kräften und Talenten, die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft machen. Trotz des dünn besetzten Kaders steht die Elf im Viertelfinale des DFB-Pokals und in der K.-o.-Runde des Europa League. In den kommenden Monaten könnte es Festtage geben – für ihn, fürs Team, für den Verein.

Warum also zögert Labbadia noch mit der Verlängerung seines Vertrags? Wer seine Mentalität kennt und seine Denkweise versteht, der kennt die Antwort: Er verspürt wenig Lust, die Sünden der VfB-Vergangenheit alleine auszubaden. Ihm fehlt unverändert das klare und öffentliche Bekenntnis der Vereins-Gewaltigen zu den sportlichen Folgen ihrer rigorosen Sparpolitik. Denn just zu dem Zeitpunkt, zu dem sie noch einmal vier, fünf Millionen Euro in die Hand nehmen müssten, um die Mannschaft für die bevorstehenden, auch finanziell lukrativen Aufgaben zu stärken, pressen sie die Zitrone stärker aus denn je – und schwächen sehenden Auges die Substanz. Für den Wintertransfer von Innenverteidiger Maza gibt es zwei Millionen Euro, aber keinen Ersatz. Doch anstatt sich auch öffentlich klar zu ihrer Mitverantwortung für das Zehn-Millionen-Euro-Loch in der Bilanz 2012 zu bekennen, überlassen Aufsichtsratschef Dieter Hundt, Präsident Gerd Mäuser und Finanzvorstand Ulrich Ruf die Rolle der ständigen Mahner und Bremser dem Coach und dem Manager.

Fredi Bobic weiß um die Gefahren

Labbadias Zukunft beim VfB wird wesentlich davon abhängen, wie überzeugend ihm Gerd Mäuser in den kommenden Tagen den Stuttgarter Weg in die Zukunft darlegen kann. Übertriebene Hoffnungen sind unberechtigt. Die Fähigkeit des VfB-Präsidenten, andere Menschen mit auf seine Reise zu nehmen, hält sich erfahrungsgemäß in Grenzen. Sollte sich der störende, ärgerliche und auch peinliche Vertrags-Poker aber fortsetzen, laufen Trainer, Manager und die Führungscrew nicht nur Gefahr, ihren Ruf zu beschädigen, auch die sportliche Perspektive auf die Rückrunde wäre beschädigt.

Fredi Bobic weiß um die Gefahren. Er hat dem Coach nicht grundlos ein Ultimatum bis Ende Januar gesetzt. Bleibt Labbadia stur, werden sich die Wege trennen – am besten sofort. Überzeugende Alternativen lassen sich aber nicht aus dem Hut zaubern. Wunschkandidat Robin Dutt wäre zwar nicht abgeneigt, er ist aber erst seit Sommer 2012 Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und hat laufende Verträge noch nie gebrochen. Gehandelt werden auch Nachwuchskräfte wie Alexander Zorniger (RB Leipzig), Roger Schmidt (RB Salzburg) oder Tayfun Korkut, Co-Trainer der türkischen Nationalelf. Doch auch sie sind nicht von heute auf morgen zu haben.

Der Poker um Labbadias neuen Vertrag bleibt ein riskantes Spiel – und im schlimmsten Fall ohne Sieger.

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