So sieht es für Synästhetiker aus, wenn unser Autor den Mund aufmacht Foto: Decksmann

Dass die Interviewpartnerin bei seiner Stimme eine Farbe sah, machte StN-Vielsprecher Tom Hörner nicht zu schaffen. Dass es ausgerechnet braun war, schon.

Stuttgart - Neulich habe ich eine ­TV-Moderatorin interviewt. Hinterher sagte sie mir, dass sie Synästhetikerin sei. Ich dachte an was Ansteckendes, aber die Frau beruhigte mich. ­Synästhetiker, sagte sie, seien Menschen, bei denen sich unterschiedliche Sinnesebenen vermischten.

Im Fall der Moderatorin ist es so, dass sie, wenn sie eine ­Stimme hört, eine ­Farbe sieht. Meine Stimme, sagte sie, habe für sie braun geklungen. Ich fand das wenig schmeichelhaft, war sogar ­etwas enttäuscht, weil ich dachte, sie hätte mich nett gefunden.

Ich habe keine Lieblingsfarbe, aber wenn ich eine hätte, wäre es nicht Braun. Ich würde mir keinen braunen Porsche kaufen, obwohl Richie Müller mit einem durch den Stuttgart-„Tatort“ kurvt. Auch ein ­braunes Fahrrad käme nicht infrage, keine braune Einbau­küche, keine braunen Bettbezüge. Wenn Obst und Gemüse faulen, werden sie braun.

Und wieder mal sind die Nazis schuld

Braun akzeptiere ich nur bei Schuhen. Braune Schuhe finde ich ausgesprochen elegant, zumindest bei Männern. Warum das so ist? Vielleicht, weil ich mir einbilde, dass das Leder von einer Kuh stammt und die braun war. Vielleicht auch, weil die ­Schuhe mich erden und Erde braun ist.

Ich habe mir überlegt, woher meine Abneigung gegen Braun kommt. Ich weiß es nicht sicher, aber es könnte mit den Nazis zusammenhängen. Auch wenn man nicht in der Nazi-Zeit aufgewachsen ist, sie hat doch ihre Spuren hinterlassen, wenn man halbwegs in der Schule aufgepasst hat. Braun war die Farbe des NS-Staates. Durch erdiges Braun wollten die Nazis ihre Verbundenheit mit Heimat und Boden zum Ausdruck bringen.

Aber das kann nicht der Grund sein, weshalb die TV-Moderatorin bei meiner Stimme an Braun gedacht hat. In der Farbtherapie, habe ich gelesen, wird bei Gleichgewichtsstörungen mit Braun­tönen gearbeitet, weil sie Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Das muss es sein. Außerdem fiel ich der Moderatorin kaum ins Wort, war für meine Verhältnisse fast schweigsam. Da dachte sie wohl an Braunschweig.

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