Was hilft gegen Besserwisserei und alte Gewissheiten? Denken und Neues wagen im Sinne des Philosophen Christian Bermes, erläutert unser Autor Jörg Scheller.
Meine erste Kolumne im neuen Jahr beginnt mit einem frommen Wunsch: Mögen wir die Lust am Denken wiederentdecken! Denn diese ist auf dem Rückzug. Unsere Gegenwart ist ein Schlachtfeld vorgefasster Meinungen, Haltungen, Positionen, Ideologien, Theorien, Glaubenssätze.
Inmitten sich auftürmender Krisen wächst das Bedürfnis, sich an – vermeintliche – Gewissheiten zu klammern, um nicht noch mehr Unsicherheit zu generieren. In angsterfüllter Atmosphäre wächst auch die Bereitschaft, die je eigenen, haltgebenden Überzeugungen aggressiv zu verteidigen.
Antworten auf Fragen unserer Zeit
Auf diese Weise schlittern wir nicht nur permanent in destruktive Abnutzungskämpfe. Wir trocknen auch jene Quelle aus, die das wirkliche Potenzial für Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit bereithält – das Denken an und für sich. Denken verhält sich zur Gewissheit wie die Wanderung zur Rast auf dem Gipfel. Wer mit dem Helikopter zu Letzterem fliegt, hat zwar den Überblick, aber keine Ahnung, was er da eigentlich sieht.
Ohne die anstrengende Wanderung und die Erfahrungen, die man auf dem Weg macht, bleibt das Gesehene abstrakt, ohne Detailtiefe, entrückt aus dem Horizont menschlicher Erfahrung. Denken-als-Denken hingegen ist wie die Wanderung konkrete Bewegung. Nur durch die selbst geleistete Bewegung erfährt man neue Orte auf eine Weise, die auch wirklich mit neuen Erfahrungen verbunden ist – anders als eine Touristin, die mit der Seilbahn auf den Mont Blanc schwebt, um dort die Berge so zu fotografieren, wie sie sie zuvor auf Fotos gesehen hat.
Demütig ins Offene gehen, eigene Erfahrungen machen
Denken-als-Denken ist im besten Sinne intellektuell, statt nur wissenschaftlich, ideologisch, religiös oder aktivistisch. Der Philosoph Christian Bermes hat eine gute Formel dafür gefunden: „Der Intellektuelle geht aufs Ganze, ohne sich im Absoluten zu verbeißen.“ Anstatt Teilwahrheiten zu verabsolutieren oder als Stimme eines Kollektivs zu wirken, bedeutet intellektuelles Denken für Bermes, sich aus der wärmenden Sicherheit des Besserwissens zu lösen. Bermes erkennt darin eine Geste der Demut. Aufs Ganze zu gehen meint, demütig ins Offene zu gehen und dabei wieder den Sinn von Welt selbst in den Blick zu nehmen.
Dieses intellektuelle Denken ist nichts Abgehobenes, nichts Verquastes. Eher steht es der modernen Kunst nahe. Auf der Leinwand zu experimentieren, Neues zu wagen, diverse Farben, Medien und Materialien zu kombinieren und ungewohnte Perspektiven einzunehmen, ohne damit eine absolute Wahrheit zu behaupten – das ist ein so lustvoller wie sinnstiftender, schöpferischer Prozess. Im Politischen und Gesellschaftlichen täte uns mehr davon gut.