Stellen Autofahrer, Fahrradfetischisten oder Flaneure das größte Ärgernis im Straßenverkehr dar? Alles eine Frage der Perspektive, findet unser Kolumnist Ingmar Volkmann.
Stuttgart - Individualverkehr weitet die eigene Perspektive: Fahre ich mit dem Auto, pflege ich bilaterale Abneigungen mit Radfahrern. Steige ich selbst aufs Rad, zweifle ich am Verstand aller Autofahrer. Bin ich hingegen zu Fuß unterwegs, hasse ich alle, egal wie viele Räder sie (ab)haben. Die meisten Kilometer mache ich derzeit im Stile einer amerikanische Soccer Mum: Die Kinder mit dem SUV zum Mandarin-Unterricht und zum Geige-Üben zu bringen fühlt sich an wie eine zusätzliche Arbeitsstelle.
Zugegeben, ein Teil des letzten Satzes war geschwindelt: Ich bin nur der Chauffeur zum Fußballtraining und in diverse Betreuungseinrichtungen. Das mit dem SUV war hingegen leider die Wahrheit. Einige Wochen lang hatte ich vom Autohaus ein Ersatzfahrzeug, ein Raumschiff einer französischen Marke. Die gute Seite dieser Erfahrung: Ich fühlte mich total französisch, wie ein Baguette auf zwei Beinen, und hätte fast wieder mit dem Rauchen angefangen, natürlich blaue Gauloises, Libertè toujours, passend zu der Café-au-lait-Station im Handschuhfach.
Angst vor einer Kita vor dem Kühlergrill
Die dunkle Seite der Macht: SUVs und Innenstädte passen einfach nicht zusammen. Ständig hatte ich Angst, dass mir eine Kita vor den Kühlergrill springt. In all den engen Straßen, in denen nur ein Ungetüm gleichzeitig an den parkenden Autos vorbeikommt, schlängelte ich mit der alten Sägetechnik von Ferdinand Porsche in jede sich bietende Lücke, um den Gegenverkehr passieren zu lassen.
War ich mal nicht schnell genug, bedankte ich mich bei dem geduldigen Autofahrer, der meinetwegen warten musste, mit allen verfügbaren Händen und manchmal auch mit dem linken Fuß. Ich war also das Gegenteil von einem sozialen Netzwerk: stets höflich und nett und um einen menschlichen Umgang bemüht.
Sonderlackierung für den Käfer
Mein ständiges, etwas unangenehm unterwürfiges Bedanken bei anderen Verkehrsteilnehmern erinnerte mich an mein erstes Auto, einen VW-Käfer, erstanden 1996. Gemäß dem deutschen Grundgesetz mussten sich Käfer-Fahrer ekstatisch grüßen. Ein Gesetz, das ich als Fahranfänger besser verstand als andere Regeln.
Der Käfer war Milka-lila. Nach einiger Zeit fühlte ich mich am Steuer dieses Autos wie eine Milka-Kuh. Das Fahrzeug musste umgefärbt werden, leider ohne Budget für eine anständige Lackierung. Also fuhr ich mit einigen Freunden für eine, Achtung, Spritztour, auf ein verlassenes Feld, und wir spritzten und sprühten Mattschwarz aus Dosen, was das Zeug hielt, ehe leider Pollenflug einsetzte. Das Ergebnis war eine erstaunliche Sonderlackierung, die man heute als Kunst über das späte Wirtschaftswunder ausstellen könnte. Entgegen dem Werbeversprechen („und läuft und läuft und läuft“) ist mein Käfer dann doch irgendwann nicht mehr gelaufen und befindet sich heute im Käfer-Himmel. Ob er mir kürzlich als Strafe für die verhunzte Farbe und meine schwarze Seele den SUV geschickt hat?