Fliegen? Kann doch jeder! Das glauben zumindest viele, nachdem sie sich Erklärvideos auf Youtube angesehen haben. Foto: imago/Lupe Rodriguez

Im Zeitalter der Youtube-Tutorials gibt es keine unlösbaren Probleme mehr. Irgendwo findet sich immer ein passendes Filmchen. Und wenn am Ende alles schief geht, sind natürlich die anderen schuld, erklärt unser Kolumnist.

Einen Wasserhahn auswechseln, ein Hochbeet anlegen oder den neuen Computer so austricksen, dass er auch mit dem uralten Drucker kooperiert – es gibt so viele Dinge, an denen die meisten ohne Hilfe scheitern würden. Früher fragte man Verwandte oder Bekannte, die schon mal ein ähnliches Problem gelöst hatten. Andere studierten Bedienungsanleitungen oder einschlägige Ratgeber („Jetzt helfe ich mir selbst“). Heute fragt man niemanden mehr und liest auch nirgends nach. Man sucht im Netz ein Youtube-Video, in dem irgendwer vorführt, wie sich eine bestimmte Aufgabe bewältigen lässt.

 

Flugzeug landen? Ein Youtube-Video erklärt’s!

Sie müssen eben mal ein Flugzeug landen, weil Pilot und Copilot nach dem Verzehr verdorbenen Fischs dienstunfähig sind? Kein Grund zur Panik. Bei Youtube gibt es mehrere Videos, die zeigen, wie man so ein Teil runterbringt. Mit dem kleinen Hinweis am Bildschirmrand, demzufolge die Anleitung nicht für Schulungszwecke bestimmt ist, kann man sich in so einer Notlage nicht lange aufhalten. Es liest ja auch kein Mensch das Kleingedruckte in den AGB von Smartphone-Apps.

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Zugegeben, das Szenario mit den außer Gefecht gesetzten Piloten ist nicht neu, sondern in dieser oder ähnlicher Form Gegenstand diverser Abenteuerfilme. In dem Sechzigerjahrestreifen „Flug in Gefahr“ befindet sich unter den Fluggästen glücklicherweise ein abgehalfterter Militärpilot, der vor einer halben Ewigkeit eine einmotorige Propellermaschine geflogen hatte. Der alte Haudegen schafft es dann tatsächlich, den Flieger unfallfrei zu landen – allerdings nur, weil ihm ein anderer Pilot per Funk sachdienliche Hinweise ins Ohr brüllt.

Video boostet die Fähigkeiten – zumindest gefühlt

Wie viel einfacher ist es doch im Vergleich dazu, sich ein kurzes Video reinzuziehen und sogleich zur Tat zu schreiten. Ist ja auch keine große Sache – man muss nur zur rechten Zeit die richtigen Knöpfe und Hebel bedienen. Das trauen sich offenbar mehr Nicht-Piloten zu, als man denken könnte, wie Wissenschaftler der University of Waikato in Neuseeland herausgefunden haben. Sie baten 800 Versuchsteilnehmer, sich vorzustellen, ein Flugzeug landen zu müssen, dessen Pilot wegen eines Notfalls ausgefallen ist. Einer Hälfte der Probanden wurde dann zusätzlich das Video einer Flugzeuglandung gezeigt, das im Cockpit aus Pilotenperspektive aufgenommen worden war.

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Alle Beteiligten wurden am Ende gefragt, wie zuversichtlich sie seien, das Flugzeug so gut landen zu können wie ein Pilot. Dabei zeigte sich, dass bereits die Teilnehmer, die das Video nicht gesehen hatten, ihre Fähigkeiten massiv überschätzten. Sie wurden in dieser Hinsicht allerdings noch einmal deutlich von den Probanden aus der Videogruppe übertroffen. Es sei denkbar, dass sich die Betrachter des Films selbst in der Rolle des Piloten sehen und daher ihre Fähigkeiten überschätzten, spekulieren die Forscher.

Wer weniger weiß, hält sich für besser

Das Phänomen der Selbstüberschätzung ist nicht neu und in Fachkreisen als Dunning-Kruger-Effekt bekannt. Demnach stufen Menschen ihre Fähigkeiten um so höher ein, je weniger sie von einer Sache verstehen. Fachleute wissen dagegen nur zu gut, wo überall Probleme auftauchen können. Wie die Studie aus Neuseeland zeigt, lässt sich der Dunning-Kruger-Effekt durch Bilder und Filmsequenzen weiter verstärken – nach dem Motto: Ich sehe, also kann ich.

Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, um eines der gravierendsten volkswirtschaftlichen Probleme endlich mal ernsthaft anzugehen: den Fachkräftemangel. Mit konsequenter Youtube-Pädagogik könnten hier in kürzester Zeit bedeutende Fortschritte erzielt werden – ganz gleich, ob es darum geht, Herzoperationen durchzuführen, ein Land zu regieren oder einen Konzern umzubauen. Wer sich grenzenlos kompetent fühlt, tut sich zudem auch leichter, wenn am Ende alles schiefgeht. Dann sind nämlich immer die anderen schuld.