Wissenschaftler schlagen eine verblüffend einfache Methode zur Speicherung von Ökostrom vor. Das eröffnet auch neue Perspektiven für Führungskräfte, die mal so richtig was bewegen wollen.
Aufzüge kommen zunehmend aus der Mode. In vielen Bürogebäuden fordern Hinweisschilder dazu auf, doch lieber die Treppe zu nehmen. Das sei besser für die Gesundheit und spare Energie. Und betont nicht auch der Bundeswirtschaftsminister bei jeder Gelegenheit, dass angesichts der Auswirkungen des Ukraine-Kriegs Energiesparen erste Bürgerpflicht ist? Vor diesem Hintergrund dürfte es nicht mehr lange dauern, bis nach der Flug- und Fleischscham auch die Aufzugscham um sich greifen wird.
Doch das wäre ein Fehler. Denn Aufzüge in Hochhäusern könnten bei intelligenter Nutzung sogar helfen, fossile Energieträger aus Russland und anderen problematischen Lieferländern zu ersetzen. Das schreiben Wissenschaftler aus Österreich, Brasilien, Polen und Deutschland in einem Beitrag für das Fachblatt „Energy“. Konkret schlagen sie vor, Aufzüge als Energiespeicher einzusetzen, um die schwankende Produktion von Solar- und Windstrom abzufedern.
Das Prinzip ähnelt dem von Pumpspeicherkraftwerken, in denen in Zeiten mit Stromüberschuss Wasser auf ein höheres Niveau gepumpt wird. Bei Stromknappheit fließt das Wasser wieder abwärts und treibt über Turbinen Generatoren an, die Strom erzeugen. Dabei macht man sich die sogenannte Lageenergie des hochgepumpten Wassers zunutze. Diese hängt vom Höhenunterschied und der Wassermenge ab.
Autonome Roboter verschieben Gewichte
In der Aufzugvariante würde aktuell nicht benötigter Ökostrom eingesetzt, um in den Kabinen Gewichte in die oberen Stockwerke zu schaffen und dort zu lagern. Wird zusätzlicher Strom benötigt, werden die Gewichte von autonomen Robotern wieder in die Kabinen transportiert und erzeugen bei der Abwärtsfahrt Strom. Dafür wären nicht einmal teure Umbauten nötig, weil in modernen Aufzüge die Energiegewinnung bei Abwärtsfahren bereits Standard ist.
Die Hochhäuser fungieren also als eine Art Batterie. Letztlich ist der Unterschied auch gar nicht so groß, wenn man mal einige physikalische Details beiseitelässt. Beim Laden eines modernen Akkus werden Lithium-Ionen unter Energieaufwand von einer Elektrode zur anderen transportiert. Beim Entladen bewegen sie sich in umgekehrter Richtung und geben dabei Elektronen ab, die etwa eine Lampe zum Leuchten bringen können. In der „Aufzugbatterie“ bewegen sich stattdessen Liftkabinen hin und her – die sonst die meiste Zeit stillstehen würden.
Um größere Mengen an Lageenergie speichern zu können, braucht es neben tragfähigen Decken genug Platz für Gewichte in den oberen Etagen der Hochhäuser. In den meisten Fällen dürfte das kein größeres Problem sein. Im Homeoffice-Zeitalter arbeiten viele ohnehin lieber von zu Hause aus. Für zusätzlichen Stauraum in den Büros sorgen Stellenabbauprogramme und der Trend zu flachen Hierarchien. Teilweise ist jedoch auch zu beobachten, dass die Zahl der Führungskräfte sogar noch zunimmt, während auf den unteren Ebenen Personal eingespart wird. In solchen Fällen könnte es schwierig werden, die benötigte Zahl von Gewichten – die Experten schlagen die Verwendung von mit nassem Sand befüllten Rollcontainern vor – in den oberen Etagen von Bürohochhäusern unterzubringen.
Gratis-Sportprogramm für Führungskräfte
Helfen könnten hier sogenannte Hybridbüros, in denen sich die Manager den Platz mit den Rollbehältern teilen. Das hätte den Vorteil, dass die Damen und Herren Führungskräfte selbst mit anpacken könnten, wenn es gilt, die Container schnell in die Aufzüge zu schieben. Schließlich haben viele von ihnen ihren Job angetreten, um mal so richtig was zu bewegen. Aufwendige Programme zur Förderung der Mitarbeitergesundheit würden sich dann erübrigen. Und teure Roboter zum Containerschieben könnte man sich ebenfalls sparen.
Und wenn die Sandcontainer mal knapp werden, könnte das Management auch noch sein eigenes Gewicht in die Waagschale werfen. Man sollte sich also nicht wundern, wenn im Aufzug nach unten kein Platz mehr ist, weil sich dort 20 Anzugträger drängeln. Wahrscheinlich erzeugen sie gerade Strom.