In der Corona-Pandemie wimmelt es von Daten. Da kann man schon mal den Überblick verlieren und fragwürdige Schlüsse ziehen. Eine bekannte statistische Grundregel sollte man aber trotz der Datenpandemie beachten, meint unser Kolumnist.
Stuttgart - Faktenchecks haben derzeit Hochkonjunktur. Kein Wunder. Selten wurde so viel Unsinn über Viren und Impfungen verbreitet wie in den letzten zwei Jahren. Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Zwischen der Zahl fragwürdiger Online-Publikationen und der Zahl der Faktenchecks besteht eine positive Korrelation. Allerdings erreichen die oft aufwendigen Richtigstellungen in vielen Fällen nicht die Leute, deren Einschätzungen eigentlich geradegerückt werden müssten. Ein erheblicher Anteil der Faktenchecks dient vielmehr der Selbstbestätigung der Checker, die ohnehin nicht auf dubiose Quellen hereinfallen würden.
Von letzteren gibt es eine Menge. Kürzlich erreichte uns eine 16-seitige Abhandlung, die Corona-Impfungen als nutzlos und hochgefährlich darstellt. Der Text kommt im wissenschaftlichen Duktus daher, garniert mit Grafiken und einer eindrucksvollen Liste mit Quellen. Wahrscheinlich waren die Urheber tage- und nächtelang damit beschäftigt. Trotzdem hielten sie es nicht für nötig, die Fleißarbeit mit ihren Namen zu schmücken. Offenbar haben sie kein Interesse am offenen wissenschaftlichen Austausch.
Merkwürdige Korrelationen
Wer sich die Mühe macht, einige der genannten Quellen zu überprüfen, stellt fest, dass mehrere Autoren ein Faible für ihrer Meinung nach verdächtige Korrelationen haben. In einer Abbildung ist beispielsweise zu sehen, dass parallel zur Zahl der verabreichten Impfdosen auch die Zahl täglicher Neuinfektionen mit dem Coronavirus gestiegen ist. Im Begleittext wird argumentiert, dass dies ein starkes Indiz dafür sei, dass die Impfungen die Immunabwehr schwächen, anstatt sie zu stärken.
Das ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht unbedingt die nächstliegende Erklärung für die genannte Korrelation. Diese könnte auch ganz einfach darauf zurückzuführen sein, dass wir uns in einer Pandemie befinden, was zeitweise einen starken Anstieg der Infektionszahlen mit sich bringt. Um das Infektionsrisiko zu verringern und schwere Erkrankungen so weit wie möglich zu vermeiden, wird gleichzeitig kräftig geimpft. Aus den Daten abzuleiten, die Impfungen seien die Ursache steigender Infektions- und Todeszahlen, zeugt von großer Kreativität.
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Da sowohl die Zahl der Impfdosen als auch die der Neuinfektionen steigt, lassen sich problemlos auch positive Korrelationen zu anderen Kennzahlen finden, die sich im gleichen Zeitraum nach oben bewegen – etwa die Einnahmen von Amazon oder die Zahl der Netflix-Abonnenten. Kein vernünftiger Mensch käme deshalb auf die Idee, dass der rasant wachsende Amazon-Umsatz oder das nächtelange Gucken von Netflix-Serien steigende Infektions- und Todesfallzahlen durch Corona verursacht haben.
Wenn Belege fehlen
Mit Korrelationen ist es eben so eine Sache. Bekanntlich belegt allein die Tatsache, dass sich zwei Kenngrößen in die selbe Richtung bewegen, noch nicht, dass zwischen diesen Variablen auch ein kausaler Zusammenhang besteht. Diese statistische Binsenweisheit erfreut sich etwa bei Klimaskeptikern anhaltender Beliebtheit. Dass der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre (Variable A) und die globale Durchschnittstemperatur Variable B) über lange Zeiträume nahezu parallel laufen, sei kein Beweis dafür, dass A die Ursache von B sei, argumentieren sie – und haben zumindest in diesem Punkt recht. Um einen Zusammenhang zwischen A und B zu belegen, braucht man ein plausibles Wirkmodell – wie es Klimaforscher in jahrelanger Arbeit entwickelt und verfeinert haben. Auch Messungen belegen klar die Wärmewirkung zivilisatorischer CO2-Emissionen.
Die meisten der von den anonymen Impfskeptikern zitierten Autoren liefern dagegen kaum hieb- und stichfeste Belege für die postulierten Zusammenhänge und spekulieren lieber munter drauflos. Auffällig oft tauchen zudem Arbeiten auf, die längst von Fachleuten zerpflückt oder vom betreffenden Journal korrigiert worden sind.
Dafür zeigt sich eine andere interessante Korrelation – und zwar eine negative: Je weiter die Autoren von Fachgebieten wie Epidemiologie oder Virologie entfernt sind, desto steiler sind ihre Thesen. Aber das allein ist wie gesagt kein Beleg für einen kausalen Zusammenhang. Es kann sich genausogut um einen dummen Zufall handeln.
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