Die Alpen dienen oft als Kulisse für zweitklassige Musikdarbietungen. Dabei produzieren die Berge selbst einen ziemlich coolen Sound, der die Kastelruther Spatzen noch viel älter aussehen lässt als sie eh schon sind, meint unser Kolumnist.
Das „Lied der Berge“ mit Vico Toriani und dem Montanara-Chor weckt bei etlichen Angehörigen der Babyboomer-Generation schlimme Jugenderinnerungen. Wer konnte, flüchtete beim Erklingen dieses und ähnlicher Titel so schnell wie möglich auf sein Zimmer, um die akustischen Zumutungen mit Jimi Hendrix in Maximallautstärke zu übertönen.
Auch zeitgenössische Interpreten sogenannter Volksmusik wie zum Beispiel die Kastelruther Spatzen präsentieren sich gerne vor eindrucksvollen Gebirgslandschaften, während sie synchron zum eingespielten Playback mit ihren Instrumenten hantieren. Zusammenfassend muss man sagen, dass die Verbindung von Bergen und Musik nicht zwangsläufig zu künstlerischen Darbietungen im oberen Qualitätssegment führt. Und die armen Berge können sich nicht mal dagegen wehren, wenn mittelmäßig begabte Interpreten sie als Kulisse missbrauchen – ohne auch nur einen Cent von ihren Tantiemen abzugeben.
Lied der Berge
Geschenkt. Wenn es gut läuft, könnten die Berge schon bald mit eigenen Produktionen im Musikbusiness mitmischen – ganz ohne störende Menschen, die dazwischen tönen. Denn kürzlich haben Wissenschaftler der Universität von Utah und des Schweizer WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung mit aufwendigen Messungen ein ganz eigenes Lied der Berge zum Vorschein gebracht: Die Gesänge des Matterhorns.
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Mit hochsensiblen Seismometern zeichneten die Forscher die Bewegungen an der Spitze des knapp 4500 Meter hohen Berges sowie an zwei tiefer gelegenen Punkten auf. Die Messungen ergaben, dass das Matterhorn in Nord-Süd-Richtung mit einer Frequenz von 0,42 Hertz schwingt. Das bedeutet, dass sich der Berg etwa alle 2,4 Sekunden einmal hin und her bewegt. Ein ähnlicher Wert wurde in Ost-West-Richtung gemessen. Dabei waren die Ausschläge auf dem Gipfel des Matterhorns rund 14 mal stärker als am Fuß des Berges.
Wenn etwas in Schwingung gerät, können Töne entstehen – unabhängig davon, ob es sich um die Saite einer Violine handelt, das Fell auf einer Trommel, die Luft in einer Trompete oder eben um einen Berg. Wenn das Matterhorn ruft, hört man allerdings erst mal gar nichts. Denn die Frequenz seiner Schwingungen liegt weit unterhalb der unteren Hörschwelle des Menschen, die ungefähr mit 20 Herz angegeben wird.
Mickymaus-Effekt
Darunter beginnt der sogenannte Infraschall. Um die 0,42-Hertz-Schwingungen des Matterhorns überhaupt wahrnehmbar zu machen, mussten die Forscher sie mit 80-facher Geschwindigkeit abspielen. Das hat einen ähnlichen Effekt, wie wenn man früher Schallplatten zu schnell laufen ließ, so dass sonore Bassstimmen plötzlich wie Mickymaus klangen.
Im Vergleich dazu klingen die 80-fach beschleunigte Gesänge des Matterhorns richtig angenehm. Sie haben große Ähnlichkeit mit dem gleichmäßigen Rattern einer Fahrt im Schlafwagen, das gelegentlich vom dumpfen Rumpeln der Räder beim Überfahren einer Weiche begleitet wird. Eine ideale Begleitmusik für Achtsamkeitsübungen im Alltag – oder auch zum Übertönen ständig schwatzender Bürokollegen.
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Aber was versetzt die Berge eigentlich in rhythmische Bewegungen? Sind es die millionenfachen Fußtritte der immer größeren Wandererscharen, die sich dort oben herumtreiben? Nein, die Forscher nennen vor allem zwei Faktoren: weit entfernte Erdbeben und Meereswellen, die permanent seismische Schwingungen erzeugen.
Alles wird relativ
Genug der Geologie. Das Lied der Berge stellt einen wundervollen Kontrast zu unserer hektischen und chaotischen Gegenwart dar. Wer ihnen eine Weile lauscht, wird merken, wie sich so manches vermeintliche Problem relativiert. Raum und Zeit verschmelzen wie von Albert Einstein beschrieben zu einem großen Ganzen, in dem uns weder der Montanara-Chor noch die Kastelruther Spatzen oder nervtötende Vorgesetzte ernsthaft auf die Nerven gehen können. Ein Hoch auf die Berge!