Wenn der Chef nervt, hilft auch Duzen nicht viel. Foto: imago images/Panthermedia/AndreyPopov

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich immer schneller. Eine reibungslose Kommunikation ist daher überlebenswichtig für Unternehmen. Trotzdem sollten Chefs nicht so tun, als wären sie unsere Kumpel.

Wenn Forscher etwas nach dem Vorbild der Natur machen, ist ihnen die Aufmerksamkeit der Medien gewiss. Die berichten dann zum Beispiel über leichte und dennoch stabile Gebäude, deren Konstrukteure sich etwa von den Bauprinzipien von Meerestieren inspirieren ließen. Oder über schmutzabweisende Oberflächen, die den Lotus-Effekt nutzen. Bionik liegt im Trend, denn von der Natur kann man tatsächlich einiges lernen – schließlich hatte sie einige Milliarden Jahre Zeit, um ungeeignete Konzepte auszumerzen und erfolgreiche weiterzuentwickeln.

 

Längst ist auch die Beraterbranche auf den Bionik-Zug aufgesprungen. Dabei werden Unternehmen gerne mit lebendigen Organismen verglichen, die sich evolutionär weiterentwickeln – oder auch nicht. Und tatsächlich haben ja auch Unternehmen ähnlich wie Lebewesen Organe. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Herz, Lunge oder Leber, sondern je nach Rechtsform um Gesellschafter, Geschäftsführer, Vorstände oder Aufsichtsräte.

In einer Zeit des immer schnelleren Wandels müssen diese Organe möglichst effizient zusammenarbeiten, damit ein Unternehmen im harten internationalen Wettbewerb des Digitalzeitalters nicht auf der Strecke bleibt wie seinerzeit die armen Dinosaurier. Nicht umsonst vergibt der Nabu jedes Jahr den Titel „Dinosaurier des Jahres“ an Unternehmen, deren Geschäftsmodell nach Ansicht der Naturschützer nicht auf der Höhe der Zeit ist – zum Beispiel weil sie auf fossile Energien und umweltbelastende Technologien setzen.

Fruchtbare Zusammenarbeit

Wenn wir schon bei biologischen Vergleichen sind: Als sehr erfolgreich haben sich in der Natur sogenannte Symbiosen herausgestellt, bei denen unterschiedliche Spezies zum wechselseitigen Nutzen eng zusammenarbeiten. Ein Paradebeispiel dafür sind die sogenannten Knöllchenbakterien, die in den Wurzeln von Schmetterlingsblütlern wie Erbsen, Bohnen oder Klee leben.

Diese Mikroben haben die Fähigkeit, Stickstoff direkt aus der Luft aufzunehmen und in eine pflanzenverfügbare Form umzuwandeln. Das verschafft den Schmetterlingsblütlern einen enormen Vorteil: Sie sind ohne zusätzliche Düngung gut mit Stickstoff versorgt und daher sehr gut geeignet für die Biolandwirtschaft. Die Bakterien machen ihre Arbeit aber nicht umsonst: Sie profitieren von Zucker und anderen Nährstoffen, die ihnen die Pflanzen liefern.

Hier drängen sich Vergleiche zu den Verhältnissen in Unternehmen auf. Die Mitarbeiter haben dabei die Rolle der Knöllchenbakterien, die unter der Erdoberfläche schuften. Ohne die Beschäftigten, die sich für den Laden aufreiben, kann kein Betrieb wachsen und florieren. Dafür revanchiert sich die Firma mit Geld, Sozialleistungen oder Dienstwagen. Findige Chefs belohnen verdiente Untergebene zusätzlich mit wichtig klingenden Titeln. Das ist billiger als eine Gehaltserhöhung. Dass manche Controller in den Beschäftigten eher Parasiten als Symbiosepartner sehen, wird von Branchenvertretern indes aufs Schärfste dementiert.

Per Du und trotzdem hierarchisch

Damit die Symbiose zwischen Belegschaft und Geschäftsführung rund läuft, braucht es eine gut funktionierende Kommunikation. Immer mehr Chefs glauben, dass sich das besser erreichen lässt, wenn sich alle in der Firma duzen. Blieben allerdings trotzdem alte Hierarchien erhalten, könne die ständige Duzerei aber auch kontraproduktiv sein, warnen Arbeitspsychologen. „Man duzt sich, aber mehr ändert sich nicht. Das wirkt oft ziemlich hilflos“, meint etwa der Karrierecoach Tom Diesbrock.

Chefs und ihre Untergebenen sind nun mal keine Kumpel, sondern haben teilweise unterschiedliche Interessen. Und trotzdem müssen sie sich irgendwie zusammenraufen. Tun sie das nicht, sind am Ende alle perdu – egal, ob sie vorher per Sie oder per Du waren. Knöllchenbakterien und Schmetterlingsblütler brauchen sich um solche Feinheiten ohnehin keine Gedanken zu machen. Um zu kommunizieren, schicken sie ganz informell ein paar Moleküle hin und her.