Der Staffelsee, ein Idyll Foto: dpa/dpaweb/Matthias Schrader

Unsere Kolumnistin war in Murnau und ist beeindruckt von der Künstlerin Gabriele Münter – und wie diese von Murnau, von der Landschaft zwischen dem Staffelsee, dem Murnauer Moos und den Ammergauer Alpen. Sie findet, dass die Natur als Quelle der Inspiration unschlagbar und durch keine künstliche Intelligenz zu ersetzen ist. Natur und Kunst seien Balsam für die Seele. Gerade jetzt.

Es ist Jahresende und in der Fußgängerzone in Murnau scheinen sich alle diejenigen verabredet zu haben, die sich nicht fürs Skifahren interessieren. Vor dem Café Krönner lauschen die Touristen in der Wintersonne dem Jugendblasorchester Murnau, das zum bayrisch-zünftigen Neujahrsanblasen geladen hat. Wahrscheinlich wird man sich im Schlossmuseum gegenseitig auf die Füße treten. Schließlich sind hier die wichtigsten Werke von Gabriele Münter ausgestellt, der berühmtesten Murnauerin. Der Film über ihr Leben, ihr Schaffen und ihre komplizierte Beziehung zu ihrem Künstlerkollegen Kandinsky ist monatelang in den Kinos gelaufen.

 

Was für Bilder sind hier entstanden!

Doch Gedrängel gibt es nur an den Glühweinständen im Schlosscafé vor dem Museum. Drinnen geht es sehr ruhig zu. Nein, sie könne nicht bestätigen, dass der Film einen Ansturm auf das Museum ausgelöst habe, erklärt die freundliche Dame an der Kasse. Die Zahl der Besucher sei vielmehr davon abhängig, welche Ausstellung gerade gezeigt würde. Seltsam. In Scharen pilgern die Menschen nach Ellmau, um auf den Spuren des (fiktiven) ZDF-Bergdoktors zu wandern, nicht aber nach Murnau, um die Werke einer der Wegbereiterinnen der modernen Kunst zu sehen.

1908 kam Gabriele Münter nach Murnau, und die Landschaft zwischen dem Staffelsee, dem Murnauer Moos und den Ammergauer Alpen bescherte ihr ein Erweckungserlebnis, das zu einer Revolution in der Kunst führte. Münter zog andere Künstler wie Wassily Kandinsky, Franz Marc oder Marianne von Werefkin mit, und stand doch immer im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Wie so viele andere Frauen in der Kunst erhielt sie erst lange nach ihrem Tod die Anerkennung, die ihr gebührt. Die Beziehung zu Kandinsky zerbrach, die Beziehung zu Murnau hielt dagegen ein Leben lang. Was für Bilder sind hier entstanden! Sie saugen einen geradezu magisch hinein in die Murnauer Gassen oder auf das Ruderboot auf dem Staffelsee.

Eine überwältigende Szenerie!

Selbst im Winter kann man Münters Faszination für das Blaue Land nachvollziehen. Von ihrem Haus in der Kottmüllerallee, das ein bisschen aussieht wie Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt, führt ein wunderschöner Weg durch eine Baumallee zum Murnauer Moos, dem größten Moorgebiet in Mitteleuropa. Es ist platt wie ein Pfannkuchen, und dahinter erheben sich quasi aus dem Nichts die Alpen. Es ist eine überwältigende Szenerie. Ein Gemälde Kandinskys im Schlossmuseum zeigt Gabriele Münter von hinten, wie sie die Tochter des Griesbräu-Wirts malt. Ein Bild im Bild, das den künstlerischen Prozess dokumentiert; fast scheint es, als schaue man Münter über die Schulter und stünde mit ihr in den Murnauer Wiesen. Die Natur ist als Quelle der Inspiration nun einmal unschlagbar und durch keine künstliche Intelligenz zu ersetzen. Natur und Kunst sind Balsam für die Seele. Gerade jetzt, wo diese ziemlich viel Balsam benötigt.