In der Öffentlichkeit oder Zuhause – Frauen sind häufig Opfer von männlichen Übergriffen. Wie Sprache auch etwas daran ändern kann, darüber sinniert unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn.
Oft stehe ich an einer Ampel und träume vor mich hin, warte in der U-Bahn-Station, denke an gar nichts, schlendere durch die Stadt, lasse die Augen schweifen. Ständig bleiben sie an Geschriebenem oder Gedrucktem hängen, dagegen kann ich nichts tun, muss alles lesen: Plakate, Slogans auf vorbeifahrenden Autos, Graffiti, Zettel an Laternenmasten. Just solche Momente nutzen sie aus, um mich zu überfallen - kurze Wörter, hastig hingeschmiert oder mit wütender Akribie tief in Lack oder Holz geritzt: Hure, bitch, Fotze, cunt. Jedes Mal zucke ich zusammen. Anschließend ärgere ich mich, wünsche mir selbst einen Lackstift oder Aufkleber, um alles durchzustreichen, unsichtbar zu machen.
Abstoßender als ein Hundehaufen
Eigentlich sollte mir egal sein, was ein unbekannter Mann hier hinterlassen hat, diesen Hass, abstoßender als ein Hundehaufen. An wen hat er gedacht, als er heimlich Hässlichkeiten gekritzelt hat? An eine bestimmte Frau, eine, die ihn nicht mehr wollte? Eine, die ihm überlegen war? An alle Frauen, die Hälfte der Menschheit?
Diese Wörter geschrieben zu sehen, ist natürlich weniger schlimm, als sie hinterhergerufen oder gezischt zu hören. Das geschieht selten, ich bin älter geworden und damit weniger auffällig für diese Sorte Männer. Am schlimmsten war immer das laute Miauen. Mein jüngeres Ich hatte ein dickes Fell, nahm dieses Gejaule als gottgegeben hin. Genau wie in der letzten S-Bahn nach dem Feiern von der Hamburger Reeperbahn zurück nach Bahrenfeld, fremde Hände vom eigenen Hintern wegzuschlagen oder vor der Kneipe die Frage „Wieviel?“ zu ignorieren.
Dieses Ich hat die Straßenseite gewechselt, wenn ein Männerpulk angelaufen kam. Ist starr und fassungslos sitzengeblieben, weil es nicht glauben konnte, dass am helllichten Tag sein Gegenüber in der Harburger S-Bahn eindeutige Handbewegungen unter dem über den Hosenschlitz gebreiteten Mantel ausführte. Und hat einmal geweint, als ein Betrunkener es in der Bahn mit gellender Stimme anbrüllte, ausdauernd beschimpfte, grundlos, nur weil es allein eingestiegen und gerade zur Hand war, eine für den Partyabend zurechtgemachte Studentin. Niemand half. Keine Frau auf Erden, die nicht mit solchen Erlebnissen aufwarten kann.
Das jüngere Ich hat Glück gehabt. Nicht allen geht es so
Trotzdem hat dieses jüngere Ich noch Glück gehabt, nie heftiger angegangen, geschlagen, mit dem Messer verletzt oder vergewaltigt worden zu sein. Wenn auf städtischen Plätzen rote Schuhe aufgestellt werden zur Erinnerung an all die von ihren (Ex)Männern getöteten Frauen, wenn demonstriert wird, wie das am 25. November jedes Jahres geschieht, empfinde ich dies als Fortschritt. Die Leute reden darüber. Vieles wird nicht mehr selbstverständlich hingenommen. Man spricht von Femizid, von Frauenmord, nicht verharmlosend von Familientragödie oder Eifersuchtstat. Kleine Worte, sicher. Aber mit der Sprache verändert sich das Denken.