Mit einer kreativen Verhüllungsaktion sorgt die Kolpingfamilie Ergenzingen für Aufsehen und lädt in den Rathausgarten ein.
Was steht denn da? Ist das nicht ...? Unter weißen Leintüchern, gut verschnürt, zeichnen sich im Ergenzinger Rathausgarten Stühle, Tische, eine Staffelei, Spielsachen und an einen Busch gelehnt ein Fahrrad ab.
Seit Samstag sind die Gegenstände verhüllt und fallen so besonders auf – inspiriert von den Künstlern Christo und Jeanne-Claude. Zu dieser ungewöhnlichen Mitmachaktion hatte die Kolpingsfamilie Ergenzingen am Samstag bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein eingeladen. Am ursprünglich geplanten Termin vor zwei Wochen regnete es den ganzen Tag. „Bei diesem Wetter macht es doch richtig Spaß“, sagte Vorsitzende Claudia Hofrichter.
Die Idee kam ihr, als sie das Würth-Museum in Künzelsau besuchte, wo es viele Christo-Werke zu sehen gibt. Außerdem ist die Reichstagsverhüllung nun gut 30 Jahre her, aber immer noch vielen in Erinnerung. Das gesamte Ergenzinger Rathaus zu verhüllen, erwies sich indes als zu aufwendig. Als geschlechtsneutrale Kunstfiguren „Kim und Toni“ führte Hofrichter zusammen mit Birgit Haug in die Aktion ein. Sie erinnerten in neuen Hosen, roten Schuhen und mit Regenbogen-Schals an das Frühlingserwachen im letzten Jahr. Sie stehen nicht nur für Kolping in Ergenzingen, sondern auch für Demokratie und Gemeinwohl.
Neu eingekleidet, so Kim und Toni, entfaltet sich eine neue Wirkung. Sie erinnerten an das große Vorbild in Berlin, ganz nach der Devise „Verhülltes sieht man besser“.
Die Künstler Christo und Jeanne-Claude verhüllten 1995 nach einer sehr langen Planungsphase den Reichstag. Die Idee entstand bereits 1971, doch erst nach jahrelangen Diskussionen und mehreren gescheiterten Anträgen stimmte der Deutscher Bundestag im Februar 1994 dem Projekt zu.
In Ergenzingen war das leichter, schließlich steht der Garten immer offen. „Wir haben das Tor entfernt und er ist für die Bevölkerung auch sonst geöffnet“, sagte Ortsvorsteher Timo Wachendorfer. So können die Leute beispielsweise auf den Holzliegen entspannen. Auch darauf sollte die Aktion aufmerksam machen. Heute müsse alles schnell gehen, so Wachendorfer: „Am besten in zehn bis 30 Sekunden auf Social Media.“ Mit der Aktion gehe man gewissermaßen den umgekehrten Weg.
Für das Kunstwerk mit dem Titel „Wrapped Reichstag“ wurde das Gebäude vom 17. bis 24. Juni 1995 vollständig verhüllt. Dabei verwendeten die Künstler etwa 100.000 Quadratmeter silbrig glänzenden Polypropylenstoff, der speziell für das Projekt angefertigt wurde. Der Stoff wurde mit ungefähr 15 Kilometern blauen Seilen am Gebäude befestigt. In Ergenzingen spendenden viele Leute aus dem Dorf Stoff für die Aktion. Schnüre und Scheren hatten die meisten Teilnehmer selbst dabei. Inge Frick aus Baisingen zum Beispiel brachte ein altes Fahrrad mit. „Ich habe noch ein E-Bike“, erklärte sie. Die gelernte Schneiderin arbeitete sichtlich routiniert und mit viel Freude mit dem Stoff. Wenn die Gegenstände in drei Wochen wieder enthüllt werden, sollten sie möglichst noch gut aussehen. „Es sollten nur wetterfeste Sachen sein“, sagte Hofrichter. Ihr Fahrrad möchte Frick danach an Ukrainer spenden.
Die Montage in Berlin war seinerzeit technisch aufwendig: Rund 90 professionelle Bergsteiger und Industriekletterer sowie viele weitere Helfer arbeiteten mehrere Tage lang daran, die großen Stoffbahnen über Dach, Türme und Fassaden zu ziehen und so zu arrangieren, dass Falten und Spannungen eine bewusst gestaltete Form ergaben.
Die Installation blieb nur acht Tage bestehen und zog in dieser kurzen Zeit mehrere Millionen Besucher nach Berlin. In Ergenzingen dürften es ein paar weniger werden, doch bereits am Samstag blieben viele Zaungäste stehen und spickelten in den Rathausgarten.
Geheimnisvoller Rategarten
In drei Wochen
wird abdekoriert. „Unser Rathausgarten ist in neuem Gewand. Er wirkt anders und neu“, sagte die Vorsitzende der Kolpingsfamilie Claudia Hofrichter, als alles fertig war. „Er ist zu einem geheimnisvollen Rategarten geworden für die, die in den nächsten drei Wochen vorbeikommen werden, um zu schauen.“ Besser zu sehen, heiße intensiver sehen. „Wir schauen achtsamer auf die Form, die neu entstanden ist. Wir nehmen dreidimensional wahr. Ein optisch neuer Zugang zum Gegenstand entsteht“, so Hofrichter. Wenn etwas verhüllt sei, entstehe etwas Geheimnisvolles.
Jede und jeder
nimmt das Verhüllte neu wahr, sieht plötzlich etwas, was zuvor verborgen blieb. Weißer Stoff und Schnüre zeichnen nicht nur neue Linien, sie sind auch hell und bringen Licht. Verhüllen habe indes auch eine religiöse Tradition. Denn damit wolle man das Heilige Schützen und bewahren. „Verhüllen ist Ausdruck von Ehrfurcht“, sagte Hofrichter. In der Passionszeit werden in der katholischen Kirche zum Beispiel Kreuze verhüllt, um dann den Auferstandenen nach Karfreitag wieder neu anzuschauen und neu die Kraft zu spüren, die von Jesu Botschaft ausgeht.