Jahrelang soll eine Bande im Schwarzwald-Baar-Kreis Drogen mit normalen Lastwagen aus Spanien geschmuggelt haben. Vor Gericht zeigt sich, warum das funktionieren konnte.
Es geht um Drogen in großen Mengen, ums internationale Rauschgift-Geschäft und ja, auch darum, wie es gelingen konnte, dass eine mutmaßliche Bande Krimineller Marihuana und Koks mit ganz normalen Lastwagen einer ganz normalen Spedition in Villingen-Schwenningen auf dem Landweg aus Spanien nach Deutschland bringt. Systematisch soll das über Jahre geschehen sein – parallel zum üblichen Frachtgeschäft, mit „ordentlichen“ Lieferscheinen, verplombten und somit gesicherten Sendungen. Nicht in Nacht-und-Nebel-Aktionen, sondern am helllichten Tage.
Scheibchenweise kamen während der vergangenen Verhandlungstage im großen Drogenprozess vor dem Landgericht in Konstanz schon Details ans Licht. Im Kern: Der Bruder des vermeintlichen Bandenchefs als damaliger Fahrer der Spedition und ein Bunkerhalter, dem er ebenfalls bei dem Unternehmen einen Job verschafft haben soll. Doch was wusste man bei der Spedition?
Die Sache war aus Sicht der Ermittler „gut gemacht“, das mussten die Polizisten, die bislang im Zeugenstand saßen, den fünf angeklagten Männern zugute halten. Leicht war es nicht, das Konstrukt zu überblicken. Monatelang waren die damals noch Verdächtigen observiert worden, nachdem ein Drogenring bei Frankfurt aufgeflogen und klar war, dass es in der hiesigen Gegend noch einen Albaner geben müsse, der sich ums süddeutsche Drogengeschäft kümmere. Der jetzt als Bandenkopf auf der Anklagebank sitzende 34-Jährige stand im Zentrum der Ermittlungen – und mit ihm ein ganzes Netzwerk über „seine“ Kurierfahrer, einen Bunkerhalter, bis hin zu Abnehmern.
Abnehmer mit Erinnerungslücken
Ein solcher, der längst zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, saß nun jüngst in Konstanz im Zeugenstand. 500 Gramm Kokain soll er in Villingen-Schwenningen erworben haben. Die Ausbeute für den Vorsitzenden Richter Arno Hornstein und Staatsanwalt Kulikow nun in Konstanz: mager. Der Zeuge „kann sich an nichts erinnern“.
Erinnerungslücken sind es an anderer Stelle zwar nicht, doch auch die Befragung eines Subunternehmers einer großen Spedition hilft nicht wirklich weiter. Bei ihm soll der ebenfalls angeklagte mutmaßliche Mittelsmann und Bruder des angeklagten Bandenkopfs fünf Jahre lang gearbeitet und die Sigmaringen-Tour bedient haben. Aber rasch wird klar: Papier ist geduldig. Aufzeichnungen und Protokolle gibt es, doch darin vermerkte Arbeits-, Ruhe- und Lenkzeiten bringen ebenso wenig Licht ins Dunkel wie die Ablieferbelege mit Adressaten, die es unter den angegebenen Daten laut Polizei in Deutschland nie gegeben habe. Und Spielraum, ihre Touren zu ändern, hatten die Fahrer laut ihrem Chef reichlich: „Das können Sie gar nicht kontrollieren, so viele Fahrzeuge wie da unterwegs sind...“
Ein Indiz für krumme Geschäfte gibt es doch
Eine Sache erhärtet den Verdacht aber dann doch: Laut dem Subunternehmer sei ausgeschlossen, dass der Angeklagte für sein Unternehmen Zustellungen in Villingen-Schwenningen habe tätigen müssen. „Da gibt es ja dann Probleme unter uns“, sagt er mit Blick auf die Branche. Es gebe 15 bis 20 Subunternehmer der großen Spedition, jeder habe seine Touren – „Villingen-Schwenningen hat ein anderer“. Sein jetzt angeklagter Fahrer hatte also keinen Auftrag, beim ebenfalls angeklagten Bunkerhalter in VS mit „seinem Lastwagen“ etwas abzuliefern an jenem Nachmittag des 10. Juni.
Fotos im Gerichtssaal dokumentierten es: An diesem Tag beobachtete die Polizei nämlich, wie Kartons aus dem Lastwagen gehievt wurden, der mitangeklagte mutmaßliche Bunkerhalter offenbar den Erhalt einer Sendung am mobilen Erfassungsgerät des Lastwagenfahrers quittierte. Tags darauf, am 11. Juni griff die Polizei in einer großen Razzia im Schwarzwald-Baar-Kreis zu, durchsuchte Wohnungen und Gebäude, sogar eine Gaststätte. Im „Bunker“ fand man laut Polizei die Kartons aus dem Lastwagen noch mit Drogenresten und einem eingeschweißten Handy samt Ladekabel und Airtag zur Ortung. Der Rest ist Ermittlungsgeschichte.
Theoretisch alles möglich
Wechsel im Zeugenstand. Wieder nimmt ein mittlerweile ehemaliger Mitarbeiter einer Spedition vor Richter Hornstein Platz. Der 46-Jährige zeigt das Geflecht der namhaften Spedition auf, die auch den vorherigen Zeugen als Subunternehmer beauftragt habe. Und auch hier erhärtet sich der Verdacht: Der Landweg via Lkw scheint für krumme Touren wie gemacht zu sein.
Täglich werden feste Linien von Spanien in große Deutsche Zentren bedient, was geladen wird, wisse in den meisten Fällen nicht einmal der Fahrer. Nur bei Gefahrstoffen sei das in der Regel der Fall. Im Auftragsland werde die Ware verplombt und bleibe meist bis zum Ziel unangetastet – gescannt werde der europäische Landverkehr üblicherweise nicht. Und: „Dadurch, dass Sie keine Grenzkontrollen haben, wissen sie in der Regel nicht, was drin ist – theoretisch ist alles möglich.“