Kneipp-Experte Alwin Rager beherrscht den in der Hechinger Wassertretanlage geforderten Storchengang exzellent. die Vereinsvorsitzende Ursula Rose hinter ihm fremdelt noch etwas damit. Aber die Saison hinter der Stadthalle „Museum“ ist ja noch lange und dauert bis September. Foto: Ernst Klett

Gut für die Gesundheit: Die Hechinger Kneipp-Vorsitzende Ursula Rose startete die Saison der Wassertretanlage.

Montagmorgen im Hechinger Stadtgarten. Die grüne Oase hinter der Stadthalle „Museum“ ist menschenleer. Das liegt an der Tageszeit, aber auch am Nieselregen. Eigentlich hätte jetzt der Saisonstart an der halbwegs kleinen, aber sehr feinen Kneippanlage sein sollen. Aber es ist niemand da. Das Wassertretbecken ist nach der langen Winterpause wieder gefüllt, beim Armbad blubbert es munter aus dem Hahn. Und der Heilkräutergarten: tipptopp auf Vordermann und -frau gebracht! Aber wo ist das gar nicht so kleine Rudel der Hechinger Kneippianer nur abgeblieben?!

 
Ebenfalls im wörtlichen Sinne reizvoll: Einmal tief ins Armbad der Hechinger Kneipp-Anlage eintunken! Kneipp-Vorsitzende Ursula Rose gibt die Tipps dazu. Wer angeleitet werden will, der melde sich beim Verein, oder nehme die Infotafeln zu Hilfe. Selbiges gilt für den Heilkräutergarten, der ebenfalls mustergültig gepflegt in den Frühsommer startet. Foto: Ernst Klett

Wer lesen kann, ist auch in diesem Fall klar im Vorteil: „Bei Regen sind wir in der Begegnungsstätte am Obertorplatz“ lautet der Aushang an der Tafel, die erklärt, wie man richtig wassertritt. Das ist gleich ums Eck im Eingangsbereich der Seniorenwohnanlage (Obertorplatz 10). Dort wird bereits ausführlich doziert, aber das geht beim Kneipp-Verein Hechingen ebenso lehrreich wie locker ab. Häppchen und Wasser, nicht zum Treten, sondern zum Trinken und mit Kräutern drin, werden gereicht. Die Häppchen riecht man schon, wenn man den Raum betritt. Melissen-Frischkäse, Bärlauch-Pesto und Salbei-Butter schmecken lecker, aber auch der Geruchssinn wird aktiviert. Aktivierung ist das Stichwort für Ursula Rose. Die Vorsitzende der hohenzollerischen Kneipp-Anhänger räumt mit einem Klischee auf: Kaltes Wasser wirkt am Körper „vom Bauchnabel abwärts“ sehr wohl beruhigend, ausgleichend und entspannend. Da staunt der Laie. Und das noch mehr, wenn Ursula Rose eben diese Anwendung Kneippscher Lehren sogar für den Abend anpreist. Danach könne man viel besser schlafen, betont sie. Wie immer gehen die Empfehlungen mit einer weiteren einher: Vorher immer den Arzt fragen! Den Zusatz, dass man hoffen müsse, es handle sich um einen, der auf Naturheilkunde setzt, kann sich die Gesundheitsfachfrau nicht verkneifen.

Heilkräuter können auch schön bunt und damit etwas fürs Auge sein. In diesem Fall wurde leider versäumt, aufs Schildchen zu schauen, um was es sich genau handelt. Wer den Kneipp-Garten besucht, wird informiert und muss kein Fachbuch mitschleppen. Foto: Ernst Klett

Abends noch in den Stadtgarten zum Wassertreten? Das muss nicht sein. Man kann auch zu Hause kneippen. Hinter dem „Museum“ zur herrlich neuen Orangerie hin ist es freilich schöner und total professionell im Sinne des Kräuterpfarrers Sebastian Kneipp. Der wäre am vergangenen Sonntag 205 Jahre alt geworden, und der Hechinger Verein hat seinen Saisonstart bewusst auf den Tag danach gelegt. Ursula Roses Tipp für das wertvolle Stück Gesundheit mitten in der Oberstadt: „Im Sommer ist es morgens herrlich kühl im Wasser!“

Wer angeschlagen ist, sollte erst fragen

Nicht nur im Sommer. An einem verregneten, kalten Maimorgen sorgt die Wassertretanlage für eine extragroße Portion Erfrischung. Als es endlich zu nieseln aufgehört hat, begeben sich die inzwischen auf eine stattliche Gruppe angewachsenen Kneipp-Freunde ins Freie und zu ihrem Outdoor-Stützpunkt hinter dem „Museum“. Aber nicht alle gehen auch ins Wasser. Ursula Rose hat schließlich gewarnt: Wer angeschlagen ist, sollte vorher fragen. Antworten gibt es auch bei ihr: Niemals bei Blasenentzündung ins kalte Wasser! Damit oder mit anderem geplagt scheinen einige der Teilnehmerinnen (plus ein Teilnehmer): Nur wenige ziehen an diesem Montagmorgen Schuhe und Socken aus und krempeln die Hose hoch. Die Wassertemperatur schreckt ab. Ursula Rose nimmt es mit Humor: „Sicher unter 18 Grad“. Die Außentemperatur liegt geschätzt bei unter zehn Grad. Was hilft, dass muss! Im Storchengang (!) eine Runde drehen, lautet die Empfehlung. „Mehr nicht“, fügt Ursula Rose an. Nur nicht übertreiben. Dann wären es angesichts der unter 18 Grad Wassertemperatur doch zu viele Reize. Auf die kommt es an, weiß man seit bald zwei Jahrhunderten, wenn man Sebastian Kneipps Büchlein kennt. Diese Anwendungen (einmal im Gardeschritt durchs fast kniehohe Wasser) tapfer durchziehen, und schon hat man die Abwehrkräfte und das vegetative Nervensystem gestärkt. Mehr noch: Der Kälteschock wirkt harmonisierend auf alle Funktionen im Körper und fördert die Gelassenheit. Ganz wichtig: Wer raus ist aus dem Wasser, darf die nassen Unterbeine nicht mit dem Handtuch bearbeiten, sondern streift das kalte Nass nur mit den Händen ab. Wenn alles wieder trocken ist: schnell anziehen – und es wird herrlich warm in Füßen, Beinen und dem Rest des Körpers!

Das Programm basiert auf fünf Säulen

Wassertreten ist nur ein, wenn auch bedeutender Teil des Kneipp-Programms, das auf den fünf Säulen basiert. Die lesen sich auch heute noch absolut empfehlenswert – und praktikabel. Es geht neben dem Wasser um Bewegung und Ernährung und ebenfalls um Heilkräuter und Lebensordnung. Die mag ein weites Feld sein, ist aber neudeutsch mit Work-Life-Balance passend umschrieben.

Alle Angebote rund um die fünf Kneipp-Säulen

Viele, viele Infos:
Die passenden Kurse zu den fünf Säulen des Kräuterpfarrers gibt es beim Hechinger Kneipp-Verein das ganze Jahr über. Sie reichen von „Bewegt und fit in den Tag“ über „Überraschen Sie Ihr Gehirn, vergessen Sie das Vergessen!“ bis zu Klassikern wie Pilates und Beckenbodentraining. Hinzu kommen die ebenfalls beliebten Kneipp-Treffs mit jeweils nur einem Termin. Der Workshop Erlebnistanz, das Wandern mit Köpfchen und „Indian Balance“ sind schon vorbei. Mitmachen kann man aber noch bei „Selbstgemachtes aus der Kräuterküche“ (Samstag, 13. Juni, von 14 bis 16.30 Uhr), dem Heilkräuter-Workshop (Samstag, 26. September), dem Workshop „Bewegtes Gehirn“ (Samstag, 24. Oktober) und „Fröbelsterne basteln“ (Samstag, 14. November). Ausführliche Infos und Anmeldungsmodalitäten zu Kursen und Treffs gibt es unter www.kneippverein-hechingen.de. Dort erfährt man auch, wie man Mitglied werden kann für ein Schnäppchen. Wobei man als Gast beim Hechinger Gesundheitsvorsorgeverein immer willkommen ist.