Bei der geplanten Schließung der Notfallpraxis im Kreis Calw, so wird immer deutlicher, scheint die Kassenärztliche Vereinigung niemandes Expertise eingeholt zu haben. Wie sich nun auf Nachfrage herausstellt, wurden selbst die Krankenhäuser, die die Praxen beherbergen, vor vollendete Tatsachen gestellt.
Für viele Menschen völlig überraschend wurde Anfang dieser Woche bekannt gegeben, dass die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) plant, die Notfallpraxis im Nagolder Krankenhaus zu schließen.
Dass ein solcher Schritt im Kreis Calw – sowie in 17 anderen Landkreisen in Baden-Württemberg – ansteht, war dagegen bereits bekannt gewesen; der SWR hatte im Vorfeld über die Pläne berichtet, die nun bestätigt wurden. Zumindest weitgehend.
Denn sowohl Medien als auch Politiker aller Ebenen gingen bis zur Mitteilung der KVBW am Montag davon aus, dass es im Kreis Calw den Standort in der Hesse-Stadt treffen würde.
Doch war von Anfang an geplant, die Praxis in Nagold zu schließen? Und falls nicht: Warum wurde der Plan geändert? Oder falls doch: Wie erklärt sich die KVBW, dass es zu dieser falschen Information kommen konnte?
Auf all diese Fragen gibt es seitens der KVBW trotz Nachfrage unserer Redaktion keine Antwort.
Dafür erklärt Kai Sonntag, Leiter des Stabsbereichs Kommunikation der KVBW, immerhin, warum es Nagold mit der Schließung treffen soll – wenn auch nur in einem Satz: „Die Wahl auf den Standort Calw ist aufgrund der besseren Erreichbarkeit gefallen.“
Ferner verweist Sonntag darauf, „dass wir die Telemedizin deutlich ausweiten und wir weiterhin den Fahrdienst für die medizinisch erforderlichen Hausbesuche aufrechterhalten“.
Als Kriterien, nach denen Standorte ausgewählt wurden, zählt der Sprecher auf, was bereits bekannt ist: In jedem Stadt- und Landkreis solle es mindestens eine Praxis geben, Praxen sollen nur noch im Zusammenhang mit einem Krankenhaus und einer Notaufnahme betrieben werden (was im Kreis Calw auf beide Standorte zutrifft) sowie die Erreichbarkeit binnen 30 Fahrminuten für 95 Prozent der Bevölkerung, die Erreichbarkeit in maximal 40 Minuten für 100 Prozent.
Gerade für den letztgenannten Punkt hagelte es in den vergangenen Tagen massive Kritik. Die Zeitangaben würden sich auf Fahrten mit einem eigenen Auto beziehen; Menschen, die das nicht zur Verfügung hätten, hätten das Nachsehen.
Bei der Entscheidung über das Schicksal einzelner Notfallpraxen, so kommt nun überdies auf Nachfrage unserer Redaktion heraus, scheint sich die KVBW keine Expertise vor Ort eingeholt zu haben – zumindest nicht von Städten oder Landkreis. Und nicht einmal vom Klinikverbund Südwest, zu dem die Krankenhäuser in Calw und Nagold gehören.
„Wir wurden, so wie die Landkreise auch, vor vollendete Tatsachen gestellt. Einen proaktiven Kontakt seitens der KVBW in unsere Richtung hat es nicht gegeben“, heißt es dazu seitens des Klinikverbunds.
Die Pläne stießen dort aber generell auf deutliche Ablehnung. „Für den Klinikverbund Südwest war der Erhalt aller Notfallpraxen im Versorgungsgebiet von Beginn an alternativlos“, erklärt die Pressestelle des Klinikverbunds.
Immerhin würden die Kliniken durch eine Schließung der Praxen noch weiter belastet, weil die Notaufnahmen das erhöhte Patientenaufkommen auffangen müssten. Die ambulante Notfallversorgung sicherzustellen sei aber Aufgabe der KVBW, nicht der Kliniken.
„Darüber hinaus entstehen für den KVSW auch erhebliche wirtschaftliche Nachteile, da die ambulante Notfallversorgung massiv unterfinanziert ist“, unterstreicht der Klinikverbund. Geschäftsführer Alexander Schmidtke hatte hier unlängst von einem Verlust von knapp zehn Millionen Euro jährlich gesprochen.
Einen direkten Zusammenhang zur Medizinkonzeption 2030 sieht der Klinikverbund durch die geplante Schließung der Nagolder Praxis dagegen nicht. Die klinische Notfallversorgung sei weiterhin gesichert.