Und plötzlich sind die Kliniken selbst krank und wird klar: Es geht um die Zukunft der stationären Gesundheitsversorgung im Land und auch im Schwarzwald-Baar-Kreis sowie darum, ob Patienten künftig für spezielle Leistungen weitere Wege in Kauf nehmen müssen.
Ein Krankenhaus für alle Fälle? Das war einmal.
Die Krankenhaus-Reform will es so: Nicht mehr jede Klinik soll, wie es bislang im Grunde der Fall ist, alle Leistungen anbieten können und dürfen.
Und Matthias Geiser, Geschäftsführer des Schwarzwald-Baar-Klinikums in Villingen-Schwenningen, bestätigt: 2026 werden die Umwälzungen der Gesundheitsbranche auch die Patienten zu spüren bekommen. Für die minimalinvasive Herzklappenintervention oder die Organtransplantation weite Wege in Kauf nehmen müssen? Das kann künftig eintreffen – und auch, dass hinten und vorne das Geld fehlt.
Rekorddefizite keine Seltenheit
Das doppelstädtische Krankenhaus steht mit seiner großen Sorge nicht alleine da. Ganz im Gegenteil – als Mitglied des Netzwerks Qumik ist es Teil eines großen Verbundes von
15 Klinikgesellschaften im Land mit insgesamt 45 Standorten, in welchen 15 000 Betten stehen, wo 560 000 stationäre Fälle behandelt werden plus der 1,4 Millionen ambulanten. 50 000 Mitarbeiter tun hier Dienst. Und das tun sie in einem sich aktuell rasant wandelnden Umfeld und unter immer schwierigeren Bedingungen.
Umso lauter erschallt jetzt der Hilferuf der Kliniken, auch im Qumik-Verbund. Im Pressegespräch stellt Geisers Kollege Matthias Ziegler, Geschäftsführer des Klinikums in Esslingen, das Dilemma schonungslos dar: Seit Jahresbeginn greift die bundesweite Krankenhausreform, aber die finanzielle Situation sei „mitnichten geklärt und gesichert“, im Gegenteil: 2024 hätten Kliniken mit Rekorddefiziten abgeschlossen, für 2025 sei keine Besserung in Sicht. Und was im Zuge der Corona-Pandemie als Einmalzahlungen geflossen sei – alleine im Falle des Esslinger Hauses spreche man von zehn bis 13 Millionen Euro jährlich – stehe jetzt als Defizit ohne Ausgleich unterm Strich.
Vom Held zum Bittsteller
„Es geht in vielen bedarfsnotwendigen Häusern um das wirtschaftliche Überleben“, stellt Ziegler klar. Erste wirtschaftlich bedingte Schließungen seien bereits jetzt zu verzeichnen. Und die steigende Unzufriedenheit befeuere den Fachkräftemangel – Ärzte und Pflegekräfte erlebten sich als Bittsteller für eine ausreichende Finanzierung ihrer Arbeit, während sie „bei Corona noch die Helden waren“.
Wenn Kliniken nicht mehr finanziell gesichert werden, wird es zu „Insolvenzen, Fusionen, Verkäufen und Notmaßnahmen“ kommen, warnt Geiser aus Villingen-Schwenningen. Ein Blick in die Runde um den Verbundsprecher Hans-Jürgen Hennes beim Pressegespräch zeigt ernste Gesichter, aber auch Ratlosigkeit. Denn was die Klinikreform finanziell bedeuten wird, ist unklar.
Das ist der vorgegebene Kurs
Die Marschrichtung hingegen steht fest: Abkehr von der bisherigen liberalen Krankenhausplanung. Stattdessen: Spezialisierungen und Zentralisierungen im ganzen Land. Alles, was Kliniken zu bieten haben, werde, so erklärt Geiser im Pressegespräch, künftig in 65 Leistungsgruppen unterteilt, definiert durch personelle und sachliche Anforderungen. Es gebe Planzahlen, die erfüllt sein müssen, damit eine Klinik eine bestimmte Leistung überhaupt anbieten dürfe. Und reichlich Struktur- und Prozessvorgaben – welches Krankenhaus künftig noch welche Leistungen anbieten darf und wofür die Patienten gegebenenfalls weitere Wege in Kauf nehmen müssen, das soll den Krankenhäusern im zweiten Quartal 2025 mitgeteilt werden.
Schon im jetzigen Stadium fordern die Krankenhäuser aber die Mitsprache ein: „Uns geht es darum, in den Dialog zu kommen“, betont Hans-Jürgen Hennes. Aktuell sieht der Plan anders aus: Im zweiten Quartal dieses Jahres sollen die Kliniken zunächst die Leistungsgruppenzuteilung durch das Sozialministerium erhalten, danach Stellung nehmen und gegebenenfalls andere oder zusätzliche Leistungsgruppen beantragen können, sofern sie die Voraussetzungen erfüllen. „Bis Ende des Jahres“, so Hennes, soll das „Verwaltungsverfahren“ des sogenannten „Krankenhausverbesserungsgesetzes“ dann „Geltung erlangen“.
Ob sich das rechnet?
Die Krankenhäuser bräuchten schnelle und ausreichende finanzielle Hilfe, sämtliche Leistungen, die für die medizinische Versorgung notwendig sind, müssten „auskömmlich vergütet werden“, fordern die Kliniksprecher im Verbund und pochen auf eine wirtschaftliche Sicherung inklusive dauerhafter Berücksichtigung künftiger inflations- und tarifbedingter Kostensteigerungen.
Aktuell sind die Unsicherheit und Sorgen riesengroß. „Wir wissen noch gar nicht, ob das ein finanziell attraktives Modell ist oder nicht“, offenbart der VS-Klinikchef und kritisiert, die Krankenhausplanung sei „relativ mutlos“, starr und öffne keine Sektorengrenzen und keinerlei Spielraum für das Land.
Außerdem sei der bürokratische Aufwand für Kliniken erheblich und Geiser befürchtet: Manche Krankenhäuser könnten all das nicht leisten – das sei eine „politisch gewollte Entwicklung zu Lasten kleinerer Krankenhäuser“. Kliniken würden, was sie lange angeboten haben, womöglich nicht mehr anbieten können, während andere neue Tätigkeitsfelder übernehmen müssten. Unterm Strich: „Kleinere Krankenhäuser könnten sterben“ einher gehend mit einer Verschiebung vom stationären in den ambulanten Bereich. „Das ist nicht gut für die Krankenhäuser“, bekräftigt Hennes. Ob man von Berlin aus einen sinnvollen Krankenhausplan für den Schwarzwald stricken kann? Die Verbundsprecher sind skeptisch.