„Herr Müller“ wird im Schockraum behandelt: Eine von 16 Simulationen, die Mängel im neuen Calwer Krankenhaus aufdecken sollte. Foto: Leonie Finkbeiner

In einer Woche nimmt das neue Calwer Krankenhaus den Betrieb auf. Um das Haus auf Mängel zu testen, spielten die Mitarbeiter Simulationen durch. Ein Fall deckte sogar Lebensgefahr auf.

Als Herr Müller vom Rettungsdienst in den Schockraum des neuen Calwer Krankenhauses geschoben wird, fühlt er sich nicht wirklich wohl. Sein Herz rast, der Puls liegt bei mehr als 160 Schlägen in der Minute.

 

„Wahrscheinlich eine VT“, erklärt der Notarzt, der den Patienten begleitet – eine ventrikuläre Tachykardie. Eine potenziell lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung.

Stromstöße sollen Herz wieder in richtigen Rhythmus bringen

Der Patient ist wach und ansprechbar, fühlt sich aber schlapp. Doch der Puls steigt, Müller wird schwindlig, er spürt einen Druck auf der Brust.

Das Team im Schockraum – eine Internistin, zwei Anästhesistinnen, zwei Pflegerinnen – reagiert sofort: Der Mann bekommt Schmerzmittel, eine Betäubung, kurz darauf kommt ein Defibrillator zum Einsatz. Stromstöße sollen das Herz wieder in den richtigen Rhythmus bringen.

Möglicherweise einzigartig

Dann bleibt der Puls plötzlich aus. Die Mediziner beginnen mit der Reanimation – und verzeichnen einige Minuten später wieder einen Herzschlag. Mit einer Diagnose, die der Laie als „Herzinfarkt“ kennt, schiebt das Team den Mann ins Herzkatheterlabor. Sein Leben ist gerettet.

Ein Fall, wie er sich jederzeit im Calwer Krankenhaus abspielen kann – und doch kein Fall wie jeder andere. Denn bei Herrn Müller handelt es sich um eine Übungspuppe.

Und an diesem Tag geht es im neuen Calwer Krankenhaus im Stammheimer Feld noch nicht darum, Patienten zu behandeln. Sondern darum, mögliche sicherheitsrelevante Mängel in einer völlig neuen Klinik zu entdecken. Ein Vorhaben, das bundesweit in dieser Form einzigartig sein könnte.

„In Deutschland wird das kaum gemacht“, erklärt Jennifer Jerges im Gespräch mit unserer Redaktion. Zumindest habe sie nichts Vergleichbares finden können. Jerges ist promovierte Medizinerin, Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin. Und sie leitet medizinische Simulationen im gesamten Klinikverbund Südwest.

Üblicherweise geht es dabei um die Kommunikation und Zusammenarbeit innerhalb eines medizinischen Teams. Hier geht es darum, den Teams ein Gefühl und eine gewisse Sicherheit für die neue Umgebung zu geben. Und um die Sicherheit eines ganzen Hauses.

Die Mitarbeiter verlagern „Herrn Müller“ von der Trage des Krankenwagens auf ein Krankenhausbett. Foto: Leonie Finkbeiner

16 Fälle spielen die Mitarbeiter dafür innerhalb von drei Tagen durch – unter anderem im OP, an der Pforte, auf der Intensivstation, in jedem Stationsbereich.

Tatsächlich decken die Simulationen dabei einiges auf. Etwa dass Schränke nicht optimal eingeräumt sind. Dass die Fenster im Schockraum mit undurchsichtiger Folie abgeklebt werden müssen, damit die Patienten darin nicht vom gegenüberliegenden dritten Stock aus beobachtet werden können.

Liste mit 60 Punkten

Aber auch, dass sich eine Patiententoilette nicht ohne Weiteres von außen öffnen lässt. Im Ernstfall – wenn etwa ein Patient kollabiert – würde dann wertvolle Zeit verstreichen. Und den Betroffenen möglicherweise das Leben kosten.

Rund 60 Punkte kommen so zusammen. Eine Liste mit Empfehlungen, sortiert nach Priorität, wo noch Anpassungen hilfreich oder notwendig wären.

Simulationen gibt es beim Klinikverbund bereits seit sechs Jahren, sagt Jerges. Auch im neuen Calwer Haus sei schon jetzt die nächste Runde geplant. Im Herbst, wenn der Betrieb eine Weile Fahrt aufgenommen hat, dann wieder mit dem Fokus auf die Arbeit im Team.

Neben den Mitarbeitern, die direkt beteiligt sind, gehören stets Beobachter dazu, die das Ganze von außen betrachten und später in Nachbesprechungen Rückmeldung geben.

Die Simulationen im neuen Calwer Haus stellen dabei keine Ausnahme dar. Spezielle, eigens entwickelte Fragebögen geben eine Hilfestellung, die Perspektiven von Pflegepersonal und Ärzten finden Gehör. Hatten alle genug Platz? Musstet die Beteiligten nach Material suchen? Wie lief der Transport in eine andere Abteilung?

Eine der Doppeltüren lässt sich nicht öffnen

Auch im Fall von Herrn Müller, der Übungspuppe, spricht sich die Gruppe aus. Und deckt einen möglichen Mangel auf. Eine der Doppeltüren in den Fluren, durch die der Weg zum Herzkatheterlabor führt, ließ sich nicht öffnen.

Andererseits: Noch sind in der neuen Klinik eben nicht nur Mediziner, sondern auch Handwerker zugange. Die mitunter Türen noch abschließen müssen, weil sie daran arbeiten. Dennoch: Der Punkt kommt auf die Liste. Genau dafür sind die Simulationen da.

Jennifer Jerges jedenfalls ist mit der Übung am Ende zufrieden. Rund 25 Trainingstage stehen pro Jahr auf dem Kalender, sagt sie – der Krankenhaus-Test in Calw nicht eingerechnet.

Letzterem kommt zudem eine besondere Bedeutung zu. Eine Premiere. Auch eine Art Feuertaufe.

Denn ähnliche Simulationen sind bereits für das Flugfeldklinikum in Böblingen in Planung, das 2028 den Betrieb aufnehmen soll – nur in noch größerem Rahmen.

Für Ärztin Jerges eher ein Grund für freudige Aufregung als ein Grund zur Sorge. Denn: „Ich mache das mit Herzblut“, unterstreicht sie.