Der entstehende Gesundheitscampus in Calw Foto: Thomas Fritsch

In einem offenen Brief bringen die Verantwortlichen des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) in Hirsau starke Bedenken gegen die neuen Pläne vor. Sollten diese umgesetzt werden, fürchten sie um den Erfolg des Gesundheitscampus’ in Calw sowie um die Patientenversorgung im Klinikum Nordschwarzwald.

Rund 1300 Mitarbeiter, etwa 500 stationäre Patienten am Standort in Hirsau. Ein eigenes Gebäude für 20 Millionen Euro mit dem Zentrum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (30 Betten, zwölf tagesklinische Plätze), einer Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie (zwölf Plätze), einer Institutsambulanz und weiteren Praxisräumen auf dem Gesundheitscampus Calw.

 

Es sind beeindruckende Zahlen, die das Zentrum für Psychiatrie (ZfP) (vormals „Landesklinik“), vorweisen kann. Und obgleich das ZfP der größte Arbeitgeber in Calw sowie der zweitgrößte medizinische Akteur auf dem Campus ist, war aus Hirsau noch keine öffentliche Reaktion auf das neue Medizinkonzept 2030 des Klinikverbunds Südwest erfolgt – bis jetzt.

Sichtweise hat Gewicht

In einem offenen Brief, unterzeichnet von Geschäftsführer Michael Eichhorst und dem Medizinischen Direktor Gunther Essinger, wendet sich das Klinikum klar gegen die neue Konzeption. Die Sichtweise des ZfP könnte Gewicht haben. Auch vor dem Hintergrund, dass die Bürgerinitiative Gesundheitsversorgung Kreis Calw seit einiger Zeit kritisiert, die (Mit-)Versorgung des ZfP durch das Calwer Krankenhaus sei im Gutachten, das dem Konzept 2030 zugrunde liegt, nicht berücksichtigt worden.

Vorgeschichte

Aus „guten fachlichen Gründen“, so heißt es im offenen Brief, sei die Neurologie seit der Gründung des ZfP im Jahr 1976 eine Fachabteilung der psychiatrischen Klinik gewesen. Um eine intensivmedizinische Schlaganfallbehandlung am Calwer Krankenhaus zu ermöglichen, wurde die Neurologie jedoch 2009 nach Calw verlegt.

Dass im Rahmen der zuletzt beschlossenen Medizinkonzeption die Entscheidung gefallen war, die neurologische Klinik nach Nagold zu verlegen, hatte das ZfP bereits damals kritisch gesehen – weil dies durch die Entfernung „eine deutliche Verschlechterung in der Versorgung darstellen würde“, so Eichhorst und Essinger.

Zur Stärkung des Campus’

Damals sei die Zusage erfolgt, „von Calw aus eine neurologische Basisversorgung vor Ort am Standort des ZfP in Calw-Hirsau zu gewährleisten“, heißt es weiter. Das ZfP habe 2018 daraufhin entschieden, „zur strukturellen und wirtschaftlichen Stärkung“ des Campus’ „und insbesondere zur zusätzlichen Sicherung des damals im Plan enthaltenen Fortbestands der Kardiologie inklusive Linksherzkathetermessplatz“ Teile der psychiatrischen Versorgung nach Calw zu verlagern – in einen 20 Millionen Euro schweren Neubau.

Bedenken

Was durch das Medizinkonzept 2030 nun jedoch geschehen würde, sorgt im ZfP für „ernsthafte Bedenken“. Denn einerseits sei es für eine Psychiatrie mit Schwerpunkten in der Alterspsychiatrie und der Suchtmedizin wesentlich, „in kurzer Entfernung eine funktionierende Innere Medizin mit Kardiologie und Linksherzkathetermessplatz verfügbar“ zu wissen.

Für Nachwuchskräfte unattraktiv?

Andererseits sehen die Verantwortlichen „die drohende Gefahr, durch diese weiteren fachlichen Verkleinerungen das Krankenhaus Calw nachhaltig zu schwächen und unter eine kritische Leistungsgröße zu drücken“. Damit verbunden: Der Status als akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen und die ärztliche Weiterbildungsbefugnis könnte ins Wanken geraten – „woran ganz unmittelbar die allein existenzsichernde ärztliche Nachwuchsgewinnung hängt“, so Eichhorst und Essinger. Für ärztlichen und pflegerischen Nachwuchs würde die Klinik damit unattraktiv.

Und: Die kritisierte Verlagerung der Neurologie nach Nagold werde beim Konzept 2030 beibehalten.

All das sei „geeignet, den Erfolg des gemeinsamen Campuskonzepts unmittelbar in Frage zu stellen sowie mittelbar auch die gute psychiatrische und psychosomatische Patientenversorgung im Klinikum Nordschwarzwald zu gefährden“, unterstreichen die ZfP-Verantwortlichen.

Was benötigt wird

Um die rund 500 stationären Patienten des ZfP in Hirsau weiter gut versorgen zu können, benötige das Klinikums Nordschwarzwald bestimmte Einrichtungen im Calwer Krankenhaus – unter anderem eine chirurgische Notaufnahme, Radiologie, internistische Notfallversorgung inklusive Linksherzkatheter, neurologische Notfallversorgung inklusive intensivmedizinischer Überwachungsmöglichkeiten und Schmerzambulanz.

Zeitaufwand wächst

Die räumliche Nähe sei dabei für viele psychiatrische Patienten von großer Bedeutung, weil diese lange Transportwege unter Umständen nicht tolerieren könnten und eine dauerhafte Betreuung durch bekannte Bezugstherapeuten auf dem Transport sowie bei Behandlungen oder Untersuchungen benötigen. Werde die Entfernung größer, wachse auch der Zeitaufwand, was personell kaum noch zu leisten sei.

Weite Rettungsdienstfahrten würden zudem „nicht unerhebliche Mehrkosten verursachen“. Patienten könnten sich bei der Wahl einer Klinik angesichts ähnlicher Entfernungen nach Pforzheim, Leonberg oder Karlsruhe orientieren. Werde das Medizinkonzept 2030 umgesetzt, werde nicht zuletzt auch das ZfP selbst weniger Patienten ins Calwer Krankenhaus einweisen, was sich auf die Wirtschaftlichkeit auswirken würde.

Was dann?

Das ZfP spricht sich daher entschieden dafür aus, den Gesundheitscampus Calw wie 2018 beschlossen umzusetzen. Damit seien noch immer zahlreiche Chancen verbunden – sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich. Werde der Standort Calw breit aufgestellt, könne er auch davon profitieren, „dass das ZfP vor Ort einen überregionalen Versorgungsauftrag für ein Einzugsgebiet von etwa 1,1 Millionen Menschen wahrnimmt“, betonen Eichhorst und Essinger.

Auch der für Calw angepeilte Schwerpunkt der Altersmedizin sei angesichts der demografischen Entwicklung zukunftsträchtig – zumindest sofern die benötigten medizinischen Abteilungen vor Ort bleiben. Bei einer solchen Schwerpunktbildung könne das Klinikum Nordschwarzwald problemlos seine alterspsychiatrische Expertise wie auch schon heute mit einbringen.

Das Fazit des offenen Briefs im Wortlaut

Das Klinikum Nordschwarzwald (KN) sieht das gemeinsam mit dem Klinikverbund Südwest (KVSW) beschlossene und derzeit im Aufbau befindliche Konzept des Gesundheitscampus Calw in den 2018/2021 beschlossenen Dimensionen weiterhin und auch unter den sich abzeichnenden Bedingungen einer (derzeit noch nicht beschlossenen!) Krankenhausreform als zukunftsfähig an.