Der Geschäftsführer des Klinikverbunds sagt, in der Diskussion um die Krankenhäuser im Kreis Calw würden Gerüchte kursieren, die „teilweise bewusst Unsicherheiten schüren“. Und: „Wir werden selbstverständlich auch in Zukunft alle Vorgaben bezüglich Entfernungen und Fahrzeiten erfüllen.“
Die Diskussion um die Zukunft der Krankenhäuser im Kreis Calw wird seit vielen Jahren leidenschaftlich und teils hitzig geführt.
Seit das neue Medizinkonzept 2030 im Sommer dieses Jahres vorgestellt wurde – es sieht unter anderem vor, Kardiologie und Geburtshilfe perspektivisch von Calw nach Nagold zu verlegen – hat die Debatte neue Fahrt aufgenommen. Zuletzt informierten sich Hunderte Bürger bei Infoveranstaltungen in Stammheim und Nagold am Freitag und Montag.
Mit dabei war auch Alexander Schmidtke, Geschäftsführer des Klinikverbunds Südwest. Unsere Redaktion konfrontierte ihn im Nachgang mit einigen der häufigsten Vorwürfe gegen das Medizinkonzept.
Herr Schmidtke, seit Jahren folgt Gutachten auf Gutachten, Beschluss auf Beschluss. Der jüngste Plan im Kreis Calw ist nicht mal umgesetzt, da wird ein neuer gemacht. Warum soll ausgerechnet dieses Gutachten richtig liegen?
Weil es bei den akuten Herausforderungen im deutschen Krankenhauswesen ansetzt und davon ausgehend ein standortübergreifendes, verzahntes Konzept zur langfristigen Sicherung der medizinischen Versorgung in der Region vorsieht.
Die Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschärft und spitzen sich weiter zu. Schon heute können wir manche Leistungen nicht erbringen, weil uns das Personal fehlt. Zudem steigen die Vorgaben an die Qualität und die Menge, die erfüllt sein müssen, damit ein Krankenhaus eine bestimmte Leistung überhaupt erbringen darf. Es kann zukünftig nicht mehr jedes Krankenhaus alle Leistungen erbringen. Konzentration und Spezialisierung sind unvermeidbar.
Deshalb brauchen die einzelnen Krankenhäuser klare Leistungsschwerpunkte und müssen im Verbund miteinander verzahnt arbeiten.
Angesprochen auf die Zukunft des Kreißsaals in Calw meinten Sie noch im März dieses Jahres, es werde, Stand damals, „am Raum- und Funktionsprogramm festgehalten“ – der Kreißsaal bleibe also in Calw. Im Juli, nur vier Monate später, kam das Medizinkonzept 2030. Es drängt sich die Frage auf: Wie lange hat der aktuelle Plan Bestand? Bis zum nächsten Gutachten?
Wir leben in einer hochdynamischen Zeit mit massivem Veränderungsdruck, in der Pläne laufend hinterfragt und aktualisiert werden müssen. Ich bin überzeugt davon, dass die grundsätzliche Ausrichtung, die das Gutachten vorschlägt, mit Blick auf die kommenden Jahre richtig und notwendig ist. Damit sichern wir die medizinische Versorgung im Verbund und geben allen Standorten eine langfristige Zukunftsperspektive.
In der konkreten Ausgestaltung und Umsetzung werden wir aber auch weiterhin offen für Anpassungen und Veränderungen sein müssen.
Ein Argument, warum der „alte“ Plan für den Kreis Calw nicht mehr aktuell sein soll, sind die Entwicklungen der seither vergangenen Jahre, die Anpassungen erforderlich machen. Und zugleich soll nun etwas beschlossen werden, noch bevor weitere Veränderungen – Stichwort Krankenhausreform – klar sind. Wie passt das zusammen?
Die Krankenhausreform ist zwar noch nicht beschlossen, aber die grundsätzlichen Eckpunkte sind definiert und absehbar.
Unsere Medizinkonzeption setzt auf den gleichen Analysen auf wie die Krankenhausreform und setzt dieselben Schwerpunkte. Auch in der Krankenhausreform wird die Konzentration und die Spezialisierung einzelner Krankenhäuser eine zentrale Rolle spielen.
Bundesgesundheitsminister Lauterbach sagt selbst, dass viele Krankenhäuser die Krankenhausreform gar nicht mehr erleben werden. Dieses Risiko wollen wir nicht eingehen und stellen deshalb jetzt aktiv die Weichen für die Zukunft.
Und was, wenn die Beschlüsse am Ende nicht mehr zur Reform passen? Wird dann wieder neu geplant?
Wie gesagt, wir bewegen uns mit unserer Medizinkonzeption im Rahmen der Überlegungen zur Krankenhausreform. Mit der Medizinkonzeption geben wir uns ein langfristiges Zielbild, um die medizinische Versorgung zukunftsfähig zu machen. Wenn das Zielbild steht, werden wir eine Umsetzungsplanung aufsetzen, die den Weg zum Ziel im Detail beschreibt. Auch dabei werden wir selbstverständlich die weiteren Entwicklungen der Krankenhausreform eng verfolgen und einbeziehen.
Die Umsetzung erfolgt ja nicht von heute auf morgen. Das wird ein Prozess von drei bis fünf Jahren, den wir gemeinsam mit den betroffenen Mitarbeitenden und Kooperationspartnern gestalten werden.
Das hohe Defizit und der Fachkräftemangel sind gute Gründe für eine Umstrukturierung – wenn es denn klappt. Doch was ist mit medizinischen Belangen? Mit Kindern, die auf der Straße zur Welt kommen, und Patienten mit Herzinfarkt, für die der Weg in die Klinik zu weit sein könnte?
In der öffentlichen Diskussion sind leider auch viele Gerüchte und Schreckensszenarien im Umlauf, die einer realistischen Faktenbasis entbehren und teilweise bewusst Unsicherheiten schüren. So versorgt die Gynäkologie und Geburtshilfe in Calw derzeit ausschließlich Schwangere ohne zu erwartende Komplikationen. Bei Risikoschwangerschaften werden die Frauen bereits heute in spezialisierte Kliniken gebracht.
Wir werden selbstverständlich auch in Zukunft in allen Bereichen alle Vorgaben bezüglich Entfernungen und Fahrzeiten erfüllen. Das Hauptziel der Medizinkonzeption ist die langfristige Sicherung der bestmöglichen medizinischen Versorgung für alle Menschen in der Region. Dafür sind die geplanten Veränderungen notwendig.
Damit geht leider einher, dass sich mancherorts Entfernungen vergrößern – andernorts aber gleichzeitig auch verringern.
Immer wieder wird nicht zuletzt der Vorwurf laut, dass die „Außenkliniken“ ausgebeint und verkleinert werden, um das entstehende Flugfeld-Klinikum einerseits besser zu finanzieren, andererseits um es auszulasten – weil es mit zu vielen Betten geplant sei. Was sagen Sie dazu?
Das ist falsch. Richtig ist, dass wir mit dem Flugfeldklinikum und Nagold zwei große, leistungsfähige Krankenhäuser mit einem breiten Leistungsspektrum haben werden, in denen die Menschen bei sehr spezifischen und komplexen Erkrankungen behandelt werden können. Die Erst- und Grundversorgung erfolgt hingegen wohnortnah an allen Standorten des Klinikverbunds. Diese gestufte Versorgung ist das Konzept der Zukunft. Als Verbund haben wir die Chance, die notwendige Spezialisierung und Verzahnung zwischen den Kliniken selbst zu gestalten.