„Kein Trinkwasser“ warnen Schilder am Brunnen vor dem Rottenburger Dom. Vorsichtshalber. Die Schilder kommen bald weg – denn in Wirklichkeit strömt hier tatsächlich: Trinkwasser. Foto: Michael Hahn

Mit einem Konzept zur Klima-Anpassung will Rottenburg die Folgen des Klimawandels abfedern: mehr Bäume in der Stadt, mehr öffentliche Trinkwasserspender, bessere Zugänge zum Neckar.

Die Prognose ist bekannt: Es wird immer mehr Hitzetage geben, und die Überschwemmungsgefahr durch Wolkenbrüche nimmt zu. Im Auftrag der Stadt Rottenburg entwickelt das Raumplanungs-Büro HHP derzeit ein „Klimaanpassungskonzept“. Es soll Maßnahmen vorschlagen, wie sich die Folgen des Klimawandels abfedern lassen. „Es geht hier nicht um Klima-Schutz“ (also nicht um eine Verhinderung des Klimawandels), betonte Baubürgermeisterin Annette Schwieren, als sich der Gemeinderat vor Kurzem den aktuellen Zwischenstand vorstellen ließ. Im Sommer soll das fertige Konzept vorliegen, mit konkreten Vorschlägen.

 

HHP-Chefin Lena Riedl beschrieb zunächst, wie sich der Klimawandel in Rottenburg bemerkbar macht. Die Zahl der „heißen Tage“ (mit Höchsttemperaturen über 30 Grad) steigt schier unaufhaltsam. Vor dem Jahrtausendwechsel (1971 bis 2000) gab es in Rottenburg durchschnittlich sechs „heiße Tage“ im Jahr, danach (bis 2020) waren es durchschnittlich elf. Riedl fasste zusammen: Die Sommermonate werden heißer und trockener, die Wintermonate werden milder und feuchter, und das Starkregen-Risiko steigt.

So nimmt auch die Zahl der „Hotspots“ zu: dicht bebaute Flächen ohne viel Grün, die sich im Sommer gewaltig aufheizen und oft selbst nachts kaum noch abkühlen. Das macht vor allem Alten und Kindern zu schaffen. Solche Hotspots gibt es vor allem in der Kernstadt, aber auch in etlichen Ortschaften. Ohne den Neckar sähe es vermutlich noch deutlich schlimmer aus.

„Bauturbo“ kontra Stadtbäume?

Das Büro HHP mit Sitz in der Rottenburger Gartenstraße hat unzählige Interviews mit Fachleuten und Betroffenen geführt und viele Sitzungen mit den zuständigen Fachämtern hinter sich. Im Januar gab es zudem ein öffentliches Bürgergespräch zum Thema, allerdings mit nur geringem Echo. Daraus hat das Planungsbüro eine Hotspot-Karte und eine lange Liste mit Vorschlägen entwickelt. Bis Juli soll es noch einige weitere Sitzungen und abschließend eine Prioritäten-Liste geben.

Die großen Fensterfronten des Altenpflegeheims „Haus am Neckar“ hat man nachträglich noch mit Markisen ausgestattet. Im Sommer wird die Hitze trotzdem unerträglich. Foto: Michael Hahn

„Sehr interessant“ sei die Prognose der Technischen Betriebe gewesen, sagte Riedl. Die TBR rechnen damit, dass in der Kernstadt in den kommenden 25 Jahren etwa ein Fünftel der „Bestandsbäume entfallen“ werden, und zwar „aufgrund schlechter Pflanzung, falscher Baumarten-Auswahl und zu wenig Wurzelraum“. Immerhin: Aus dieser Fehlerdiagnose leitet sich die Lösung unmittelbar ab.

Aber: „Eigentlich wäre eine Ausweitung von städtischem Grün erforderlich“, sagte Riedl. Und das kollidiert wiederum mit dem sogenannten „Bauturbo“: Die Bauvorschriften sollen ja gelockert werden, damit das Stadtgebiet dichter bebaut und so mehr Wohnraum geschaffen werden kann.

Zu wenig Schatten am Eugen-Bolz-Platz

Extreme Hotspots („Bereiche mit besonders hoher Handlungserfordernis“) sind laut Riedl der Eugen-Bolz-Platz mit seinen wenigen Alibi-Bäumen, der Busbahnhof oben beim Bahnhof und allgemein das Gewerbegebiet Siebenlinden. Dass einst auch der Rottenburger Marktplatz kahl gestaltet wurde, sei damals eine bewusste Entscheidung gewesen, ergänzte Oberbürgermeister Stephan Neher. Damals habe es geheißen: „In einer römischen Stadt gibt es kein Grün.“ Und beim Bau des Sankt-Meinrad-Gymnasiums und des Paul-Klee-Gymnasiums vor 30 Jahren habe man noch gesagt: „Die Jahreszeiten müssen am Gebäude spürbar sein.“

Der Stöcklesweiher bei Weiler nach dem Rettungseinsatz der Feuerwehr. Foto: Stadt Rottenburg / Stabstelle Umwelt

So dachte man seinerzeit wohl auch beim Bau des „Haus am Neckar“ mit seinen riesigen, nach Süden ausgerichteten Fensterfronten. Die Folge: Das Altenpflegeheim heizt sich im Sommer oft schier unerträglich auf. „Da kommt man um Kühlungsgeräte nicht herum“, sagte der OB.

Riedl nannte auch ein paar Beispiele, die das fertige Klimaanpassungskonzept empfehlen werde. Dazu gehören die „Neuschaffung von Neckar-Zugängen auf Ehinger Seite“ (am südlichen Neckarufer kommt man bisher praktisch nirgends direkt ans Wasser) und mehr Trinkwasserbrunnen im öffentlichen Raum.

Trinkwasser vom Dombrunnen

Letzteres geht schneller als erwartet: Der Brunnen vor dem Dom wird bereits mit Trinkwasser gespeist. Bisher hängen dort noch kleine Warnschilder: „Kein Trinkwasser“. Das war eine reine Vorschriftsmaßnahme, weil man die Wasserqualität dort nicht engmaschig kontrollieren konnte. Doch schon in wenigen Tagen soll die Warnung wegkommen, teilte die Stadtverwaltung auf Nachfrage mit. Die Altstadt hätte dann neben dem Trinkwasserspender neben der Zehntscheuer einen zweiten Trinkbrunnen. Die Anregung kam von den „Jungen Aktiven“ im Gemeinderat.

Anderes müsste man langfristig planen. Wenn in einigen Jahren die Sprollstraße aufgerissen wird, um dort Nahwärme-Rohre zu verlegen, dann könnte man dort gleichzeitig neues „Stadtgrün“ anlegen, sagte Riedl: also Bäume pflanzen. Und überall, wo es möglich ist, sollte man asphaltierte oder gepflasterte Flächen wieder entsiegeln.

Feuerwehr musste Biotop bewässern

Aber auch in den Ortschaften macht sich der Klimawandel bemerkbar. Im vergangenen Juli beispielsweise sei der Stöcklesweiher (oder Stöckleweiher) bei Weiler „nahezu ausgetrocknet“, berichtete Riedel. Das ist ein Biotop beim sogenannten Hasenkreuz, einem Wanderparkplatz etwas unterhalb (westlich) der Ortschaft. Doch zum Glück gibt es die Feuerwehr. Die rückte aus und füllte ausreichend Wasser nach. „Dadurch wurden die Larven des mittlerweile sehr selten gewordenen Kammmolches gerettet“, berichtete die Feuerwehr anschließend auf Instagram – und bekam 223 Herzchen dafür.

Trinkwasser im Gäu übersehen

Bei der Trinkwasserversorgung sei das Risiko in Rottenburg „gering“, heißt es im Zwischenbericht. Denn die Bronnbachquelle sprudelt schier unerschöpflich. Das gelte aber nur für einen Teil der Gesamtstadt, warnte SPD-Stadträtin Cornelia Ziegler-Wegner. Ergenzingen und seine Nachbardörfer beispielsweise hängen an der Gäuwasserversorgung, und die wiederum greift teilweise auf Bodenseewasser zurück. Da sind die Zukunftsaussichten weniger optimistisch. HHP-Chefin Riedl versprach, dieses Thema im Abschlussbericht aufzugreifen.