Ulrich Kohnle inspiziert das Versuchsfeld mit neuen Baumarten bei Pulverdingen – im Vordergrund sieht man die Hainbuche, im Hintergrund die Atlaszeder. Foto: Faltin

Durch den Klimawandel ist der Wald in eine Krise geraten, Trockenheit, Borkenkäfer und Stürme setzen ihm massiv zu. Die Forstbesitzer müssen handeln – doch welche Baumarten eignen sich, und welche Strategie ist richtig?

Nicht schon wieder die Atlaszeder! Der Forstexperte Ulrich Kohnle verdreht etwas die Augen, als unbedingt diese Baumart mit aufs Bild soll: „Die Zeder geht viel durch die Medien, aber für die Zukunft des deutschen Waldes wird sie vermutlich keine große Rolle spielen“, sagt er. Dazu sei die Atlaszeder nämlich zu anfällig für Spätfröste. Kohnle möchte lieber die Hainbuche in den Vordergrund rücken. Obwohl eigentlich im Südwesten heimisch, kommt sie selten vor, weil deren Schösslinge bisher meist entfernt werden, um umliegenden Eichen Raum zu geben. Dabei gedeiht die Hainbuche im Versuchsfeld bei Pulverdingen prächtig: In fünf Jahren sind die Setzlinge gut drei Meter in die Höhe geschossen.

 

Prächtig, das ist allerdings kein Begriff, der derzeit häufig in Zusammenhang mit dem Wald genutzt wird. Vor Kurzem hat Forstminister Cem Özdemir (Grüne), als er den jährlichen Waldschadensbericht präsentierte, wieder einmal deprimierende Ergebnisse vortragen müssen. Eine Zahl sagt eigentlich alles: Nur noch einer von fünf Laub- und Nadelbäumen in Deutschland ist ganz gesund. Der Klimawandel mit seinen heißen und trockenen Sommern, aber auch der hohe Stickstoffeintrag setzen dem Wald mächtig zu.

Wie also baut man den Wald um, damit sich Waldbesitzer wie Wanderer auch noch in Zukunft an ihm erfreuen können? Dieser alles entscheidenden Frage geht Ulrich Kohnle nach – der Professor leitet bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg die Abteilung Waldwachstum.

Kohnle kann gut erzählen, und er schafft es, zugleich Alarmstimmung zu verbreiten und zu beruhigen. Um das Jahr 2100 werde man in Baden-Württemberg vermutlich die klimatischen Bedingungen der Toskana haben, sagt er: „Der Wald bei uns wird deshalb ganz anders aussehen.“ Aber er fügt hinzu: „Es wird immer noch Wald geben.“

Und noch eine zweite gute Nachricht hat Kohnle im Gepäck: Es gebe derzeit für fast jede Region im Südwesten heimische Baumarten, die klimatolerant seien und die ein Waldbesitzer deshalb jetzt noch pflanzen könne. Bis 2100 dürften sie keine Probleme bekommen. Knapp 20 heimische Arten werden laut einer Aufstellung des bayerischen Forstministeriums einer „hohen bis sehr hohen Temperaturtoleranzstufe“ zugeordnet. Dazu gehören Feldulme, Schwarzpappel, Robinie oder Walnuss, die teilweise selten angebaut wurden bisher, aber etwa auch die Douglasie, die schon vor 150 Jahren im Südwesten eingebürgert wurde. Es gebe deshalb derzeit keinen Grund, in Panik zu verfallen, so Kohnle.

Allerdings: Es gebe auch keinen Grund, die Hände in den Schoss zu legen. Denn in 20 oder 30 Jahren reiche das genannte Repertoire nicht mehr aus. Aus diesem Grund experimentiert die FVA an rund 40 Orten in Baden-Württemberg, darunter seit 2018 auch bei Pulverdingen, mit acht Laub- und acht Nadelbaumarten, die nicht wirklich im Südwesten heimisch sind. Dazu zählen die Baumhasel, die Flaumeiche, die Bornmüller-Tanne oder die Schwarzkiefer. Zwei bis drei Jahrzehnte braucht die FVA allerdings auch, um valide Ergebnisse zu bekommen, denn die Bäume sollten viele Sommer und viele Fröste mitbekommen. Die Zeit wird also knapp. In Bayern gibt es dagegen schon staatliche Empfehlungen für fremde Baumarten. Zum Anbau geeignet seien 15 Arten, etwa Schwarzkiefer oder Roteiche. Bedingt geeignet sind vier weitere Arten, darunter die beiden Zedernarten und die Baumhasel.

Wie aber geht nun ein Waldbesitzer konkret vor, wenn er seinen Forst klimaresilienter machen will? Das hänge natürlich von den Zielen ab, sagt Kohnle – habe man mehr die ökonomischen Aspekte im Blick, oder wolle man eher den Naturschutz stärken? Auf jeden Fall müsse man die Standortbedingungen genau prüfen. Dafür hat die FVA für Fichte, Tanne, Buche und Eiche ein sehr kleinräumiges Kartenwerk für ganz Baden-Württemberg erstellt, in dem man nachschauen kann, welche Art wo noch bis 2100 gedeihen kann. „Diese Karten sind eine der wichtigsten Entscheidungsgrundlagen“, so Kohnle. Karten für weitere Baumarten sind in Arbeit.

Grundsätzlich besteht die baden-württembergische Strategie für den Waldumbau darin, das Spektrum heimischer Baumarten etwas zu verschieben, seltenere heimische Arten stärker zu nutzen und, wo sinnvoll, fremde Arten aufzunehmen, aber immer in Maßen und nicht in Massen. Am Ende soll, durch Naturverjüngung und durch aktives Anpflanzen, ein Mischwald entstehen, mit dem vor allem auch das Risiko verteilt wird. Etwa bei der Esche hat man gesehen, wie schnell eine Art, auf die man im Klimawandel große Hoffnungen gesetzt hatte, fast ausgestorben ist, weil plötzlich ein Pilz überhand genommen hat.

Überhaupt räumt Ulrich Kohnle ein, dass man über viele Baumarten noch zu wenig wisse und dass niemand am Ende vorhersehen könne, wie sich der Klimawandel konkret in einem Gebiet auswirkt: „Wir können nicht alles managen und sollten auch nicht so tun, als ob wir alles wüssten – so ehrlich müssen wir sein.“

Diese Strategie ist im Übrigen weitgehend unumstritten und wird auch vom Bundesforstministerium so verfolgt. Wenige Kritiker gibt es, darunter den bekannten Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben. Er ist der Meinung, dass die Natur am besten weiß, wie sie sich auf Hitze, Trockenheit und vermehrte Stürme einstellen kann – man solle also möglichst viel Wald sich selbst entwickeln lassen. Ulrich Kohnle bezweifelt dies. Bäume schafften es, ihr Verbreitungsgebiet pro Jahrhundert um etwa 50 Kilometer auszudehnen. Bis klimaresistentere Sorten der Toskana also von selbst Baden-Württemberg erreicht hätten, würde es ein Jahrtausend dauern – der Klimawandel komme aber viel schneller. Recht gibt Kohnle Wohlleben in einem anderen Punkt: Im Boden seien unzählige Bakterienarten vertreten – man wisse heute noch kaum etwas darüber, wie gut sich diese Bakterien mit neuen Baumarten vertrügen.

Johannes Enssle, der Chef des Nabu Baden-Württemberg, unterstützt die Strategie des Landes dagegen: „Baden-Württemberg ist im Waldbau schon seit jeher etwas naturgemäßer unterwegs“, sagt Enssle. Hessen dagegen wolle etwa aus dem Nachhaltigkeitszertifikat FSC aussteigen, um massenhaft Roteichen und Douglasien anbauen zu können.

Auch Jerg Hilt, der Geschäftsführer der Forstkammer, hält das Vorgehen des Landes grundsätzlich für richtig. Die Forstkammer vertritt private und kommunale Waldbesitzer, denen drei Viertel des Waldes gehören. Allerdings fordert Hilt, „mehr Gas zu geben“. Er plädiert für mehr Flexibilität bei fremden Arten: „Wir dürfen nicht aus ideologischen Gründen Baumarten aus anderen Regionen ausschließen oder auf vorgeschriebene Prozente reduzieren.“ Zuletzt mahnt er mehr finanzielle Unterstützung bei Sturmschäden und Insektenholz an: Der äußerst kostspielige Waldumbau werde zwar gefördert, aber „bei der Bewältigung von Kalamitäten werden die Waldbesitzer derzeit weitgehend allein gelassen“.