Der Beschluss des Gemeinderats ist gefasst – wenn auch nicht einstimmig: Nagold will bis 2040 klimaneutral sein. Dafür macht die Stadt viel. Aber nicht alles.
Die Debatte im Nagolder Gemeinderat war kontrovers und lebhaft. Daher verwunderte es nicht, dass die Entscheidung nicht einstimmig fiel. Doch die Mehrheit war am Ende klar: Nagold setzt sich zum Ziel, bis ins Jahr 2040 klimaneutral zu werden. Und das gilt nicht nur für die Stadtverwaltung, sondern für die gesamte Stadtgesellschaft.
Der Stadt ist längst klar, dass es sich beim Klimawandel nicht um ein fernes Phänomen handelt, sondern dass die Auswirkungen längst im Nordschwarzwald angekommen sind. „Auch in Nagold werden diese Veränderungen insbesondere in diesem und im vergangenen Jahrzehnt spür- und sichtbarer“, sagt Nagolds Klimaschutzmanager Kevin Mack. „Beispiele sind der Forstzustand, Ernteeinbußen durch Trockenstress und Dürren, eine frühzeitige Streuobstblüte bei gleichzeitig erhöhtem Spätfrostrisiko, invasive Arten bei Tieren wie Nilgänsen und bei Pflanzen wie dem Riesenbärenklau, gesundheitliche Belastungen durch mehr Hitzetage und eine Zunahme von Allergenen sowie Niedrigwasserstände mit der Folge behördlich angeordneter Einschränkungen bei der Wasserentnahme.“
Volkswirtschaftliche Gründe für entschlossenen Klimaschutz
Neben dem Schutz der Lebensgrundlagen sprechen für Mack auch volkswirtschaftliche Gründe für entschlossenen Klimaschutz. Die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten habe sich in Zeiten von Krieg, politischen Zerwürfnissen, Sabotageakten und Preisabsprachen als wirtschaftsschädigend und wohlstandgefährdend erwiesen, so Mack. „Deutschland, Baden-Württemberg und Nagold haben daher ein existenzielles Interesse daran, Klimaschutz voranzutreiben. Für Nagold kommen Chancen hinzu, den Standort durch lokale Beteiligung und Wertschöpfung bei erneuerbaren Energien und den Ausbau der E-Mobilität zukunftsfähig aufzustellen“, so Kevin Mack.
Doch das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu sein, ist für Nagold ein anspruchsvolles. Mit Stand 2022 liegen die gesamten CO2-Emissionen in Nagold bei rund 164.000 Tonnen, das entspricht 7,1 Tonnen pro Einwohner. Der Zielwert für 2040 beträgt 12.250 Tonnen und damit 0,5 Tonnen pro Einwohner, da weitgehend unvermeidbare Emissionen berücksichtigt werden müssen. Das entspricht einer Treibhausgasminderung von 93,5 Prozent bis 2040 im Vergleich zu 2022. Stand 2026 bleiben dafür rund 15 Jahre.
„Die Herausforderung ist groß, da Nagold als Große Kreisstadt und Mittelzentrum auch Dienstleistungen und Infrastruktur für umliegende Gemeinden vorhält, etwa Schulen oder Bäder. Als relevanter Industrie-, Gewerbe- und Handelsstandort mit größeren Landwirtschaftsflächen, ländlicher Prägung und einem hohen motorisierten Individualverkehr beziehungsweise Pkw-Bestand sind die notwendigen Anstrengungen beträchtlich“, macht Kevin Mack klar. Gleichzeitig biete die Dekarbonisierung Chancen für lokale Wertschöpfung und neue Geschäftsmodelle. Große Potenziale für Kohlenstoffsenken sieht der Klimaschutzmanager auf den vergleichsweise großen Forst- und Waldflächen, den landwirtschaftlichen Flächenanteilen sowie auf Grünland.
Oberstes Ziel: den Eigenbedarf decken
Bei der Stadt selbst ist das Thema schon längst auf der Agenda. „Bei allen Bauprojekten, die wie in den vergangenen Jahren angepackt haben, hat der Klimaschutz eine mitentscheidende Rolle gespielt“, erklärt Nagolds Bürgermeister Hagen Breitling im Gespräch mit der Redaktion. „Wir gehen da mit gutem Beispiel voran“, betont Breitling. Ein Leuchtturmprojekt ist da das Dükerprojekt im Stadtpark Kleb, das jetzt seinem Abschluss entgegenstrebt. Mit der dort gewonnenen Energie sollen zahlreiche städtische Immobilien versorgt werden, darunter der Badepark. „Das oberste Ziel dabei ist, den Eigenbedarf zu decken“, erklärt Walter Saar, Technischer Leiter der Stadtwerke.
Der Wille etwas für den Klimaschutz zu tun, ist bei der Stadt aber endlich. Es gehe darum, ob eine Maßnahme auch tatsächlich Sinn macht. „Wir setzen nicht um, damit etwas umgesetzt ist“, so Bürgermeister Hagen Breitling. So müsse man beim Bauhof genau darauf schauen, ob eine Umstellung auf Elektrofahrzeuge die Arbeit wie bisher ermöglicht.
Eine etablierte ehrenamtliche Plattform
„Das gesamtstädtische Ziel der Klimaneutralität lässt sich nicht durch die Stadtverwaltung allein erreichen“, macht Kevin Mack deutlich. „Während die Stadtverwaltung rund zehn Prozent der gesamten Emissionen beeinflussen kann, entfallen etwa 90 Prozent auf Stadtgesellschaft, Bürgerschaft, Industrie und Gewerbe. Eine gemeinsame Zielausrichtung, Kooperationen und der Beitrag vieler Akteure sind deshalb entscheidend.“
Von Seiten der Bürgerschaft hat sich eine Gruppe gebildet, die sich das Thema auf die Fahnen geschrieben hat: Das FOKUM – Forum Klima Umwelt Mobilität – ist inzwischen eine etablierte ehrenamtliche Plattform für die gesamte Bürgerschaft Nagolds, mit Angeboten zur Vernetzung und Beteiligung an konkreten CO₂‑reduzierenden Themen und Projekten sowie Klimaanpassungs- und Biodiversitätsprojekten. Um das Thema Solar kümmert sich dabei zum Beispiel Klaus Kälber, die Radmobilität betreut zusammen mit dem ADFC Andreas Schittenhelm, Ernst Schanz nimmt sich des Themas ÖPNV an, der ehemalige Stadtrat Thomas Ebinger betreut zusammen mit dem BUND das Projekt Stadtgrün.